Lesefutter – unsere Buchempfehlungen • Buchladen Osterstraße - lesen fängt links an • Hamburg • Eimsbüttel

Lesefutter

Belletristik

Pete Dexter, Paris Trout

Ü: Jürgen Bürger, Fischer 2010, 416 Seiten

Obamas Demokraten hatten im US-Bundesstaat Georgia auch 2008 bei der Präsidentschaftswahl keine Chance. Wer Pete Dexters „Paris Trout“ gelesen hat, der ahnt, warum das dort nie anders war. Paris Trout, ein angesehener Kaufmann und Geldverleiher im Südstaatennest Cotton Point/Georgia in den 1950er Jahren, erschießt eine schwarze Frau und das 14-jährige farbige Mädchen Rosie Sayers. Dass er dafür zur Verantwortung gezogen werden soll, kann er nicht verstehen. Seinen weißen Nachbarn geht das nicht viel anders, auch sie flüchten lieber vor der schwelenden Bedrohung, die von Trout ausgeht, in ihre Kirche und auf ihr Dorffest. Der Autor schildert die Hölle hinter der privaten Haustür Trouts und die Zerrissenheit und Verlogenheit der weißen Mittelschicht auf den Straßen ihrer Kleinstadt. Wie schon bei seinem Vorgängerroman „Train“ erweist sich Pete Dexter auch hier als einer der großen Chronisten der amerikanischen Gesellschaft.

Belletristik

Roddy Doyle, Paula Spencer

Ü: Renate Orth-Guttmann, Fischer 2010, 304 Seiten

1997 hat Roddy Doyle die Geschichte von der „Frau, die gegen Türen rannte“ erzählt. Eine tragisch-feinsinnige Geschichte über Paula Spencer, 39 Jahre alt, Alkoholikerin und Witwe eines prügelnden Ehemannes. Nun kehrt Paula zurück. Inzwischen ist sie 48 geworden und seit vier Monaten trocken. Paula ist wild entschlossen, ihr Leben endlich in den Griff zu bekommen und den von ihr angerichteten Scherbenhaufen zusammenzukehren. Sie arbeitet viel und verdient zum ersten Mal eigenes Geld. Sie versorgt ihre jüngeren Kinder, versucht den älteren eine Mutter zu sein. Sie unterstützt ihre kranke Schwester. Doch Schuldgefühle und die Vorwürfe ihrer Kinder erschweren den Weg in ein ausgeglichenes Leben. Mit viel Einfühlungsvermögen und Humor beschreibt Roddy Doyle einen weiteren Lebensabschnitt von Paula, einer Frau, die man einfach mögen muss.

Belletristik

Aleksandar Hemon, Lazarus

Ü: Rudolf Hermstein, BTB 2010, 352 Seiten

1908 wird in Chicago der osteuropäische jüdische Einwanderer Lazarus Averbuch vom örtlichen Polizeichef erschossen. Eigentlich hatte der junge Mann nur ein bescheidenes Anliegen, aber sein Mörder vermutete einen anarchistischen Attentatsversuch.

Der Schriftsteller Brik entdeckt diese Geschichte und nimmt das Schicksal Averbuchs zum Anlass, zusammen mit einem befreundeten Fotografen über die Hintergründe der Tat und die Lebensgeschichte des Opfers zu recherchieren. Die beiden jungen Männer machen sich auf nach Osteuropa. Ihr Weg von der Ukraine über Rumänien nach Bosnien ist für Brik auch eine Reise in die Geschichte seiner eigenen Familie und für den Fotografen Rora in die Zeit des Krieges in Ex-Jugoslawien. Aleksandar Hemon gelingt es, die beiden Handlungsstränge gekonnt miteinander zu verbinden.

Belletristik

Claudia Piñeiro, Die Donnerstagswitwen

Ü: Peter Kultzen, Unionsverlag 2010, 320 Seiten

Eine elitäre Gemeinschaft hat sich zusammengefunden, schicke Villen gebaut, Areale zum Golf- und Tennisspielen angelegt und alles mit einem hohen Maschendrahtzaun gesichert. Niemand darf unkontrolliert herein, aber auch nicht heraus. Nichts ist wichtiger als die Fassade des lässigen Luxus. Doch der Reichtum bröckelt, die weltweite Wirtschaftskrise lässt sich nicht aussperren, ebensowenig wie Eheprobleme und Alkoholabhängigkeiten. Das Wertesystem, das lediglich von Geld und Statussymbolen zusammengehalten wird, droht zu zerbrechen. Die BewohnerInnen versuchen mit allen Mitteln, den Schein ihrer dekadenten Welt zu wahren. Das tun sie und eines Morgens liegen drei Männerleichen auf dem Grund eines Swimmingpools. Die Autorin springt im Zeitablauf hin und her und wechselt die Perspektiven, schürt damit eine klaustrophobische Atmosphäre. Beeindruckend an diesem Roman ist, dass Claudia Piñeiro nicht unmittelbar anprangert und moralisch ist, sie erzählt. Entsprechende Schlüsse müssen die LeserInnen selbst daraus ziehen.

Belletristik

Joyce Johnson, Zaunköniginnen.

New Yorker Erinnerungen

Ü: Thomas Lindquist, edition fünf 2010, 370 Seiten

Die Welt ihrer bürgerlichen Eltern im New York der 1950er Jahre wird Joyce bereits mit dreizehn Jahren zu eng. Gemeinsam mit ihrer Freundin entdeckt sie die Unangepassten, die Bohème der jungen Beatpoeten. Deren Leben ist aufregend, lockt mit Alkohol und Sex, Kunst und Politik. Joyce bricht auf, um selbst eine Dichterin zu werden. Doch sie bleibt häufig im Alltag verstrickt, denn den Frauen der Beat Generation wird die Rolle zugedacht, das Geld zu verdienen und den berühmten Poeten Unterschlupf zu bieten. Sie schreibt irgendwie nebenher. Als ihr Debütroman „Come and Join the Dance“ schließlich erscheint, ist sie etwas beschämt, weil sie findet, dass sie für den Erfolg gar nicht richtig kämpfen musste. Sie sah sich selbst mehr in der zweiten Reihe, als dass sie ihrem Talent vertraute. Damals war für sie das Wichtigste das Dazugehören zur Beat Generation, diese Gruppe früher Rebellen gegen die Spießigkeit. Die Frauenbewegung kam erst später, als „Zaunköniginnen“ haben Joyce Johnson und ihre Freundin trotzdem schon viel Neues und Aufregendes erlebt.

<< vorherige | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 nächste >>