Lesefutter – unsere Buchempfehlungen • Buchladen Osterstraße - lesen fängt links an • Hamburg • Eimsbüttel

Lesefutter

Belletristik

Sarah Kaminsky, Adolfo Kaminsky

Ein Fälscherleben

Ü: Barbara Heber-Schärer, Kunstmann 2011, 217 Seiten

Sarah Kaminsky hat erst sehr spät die „wahre“ Lebensgeschichte ihres Vaters erfahren. Sie kannte ihn als Fotografen und Streetworker, der ein ganz „normales“ Leben führt. Dass er einer der wichtigsten Fälscher der Résistance war, dass er, sein Vater und sein Bruder nur knapp der Deportation entkommen sind, dass er – obwohl eher ängstlich als mutig – jahrelang im Untergrund gelebt hat, musste sie unbedingt aufschreiben. Adolfo Kaminsky fühlte sich schuldig, dass er als Jude den Holocaust überlebt hat. Das war der Antrieb für ihn, anderen zu helfen. Mit Papieren, die er meisterlich fälschte. Aber auch nach Kriegsende will er mit seinen Fähigkeiten zu einer besseren Welt beitragen. Im Algerienkonflikt stellt er sich auf die Seite der FLN. In den folgenden dreißig Jahren arbeitet Kaminsky unter anderem für die Lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen, für den Widerstand gegen Salazar und Franco, für den ANC in Südafrika, bis er Anfang der 1970er Jahre beschließt, ein „normales Leben“ zu führen. Heute sagt seine Tochter: „Ich habe ihn erst wirklich kennengelernt, als er mir für das Buch die vielen Fragen beantwortet hat.“

Belletristik

Luis Sepúlveda, Der Schatten dessen, was wir waren

Ü: Willi Zurbrüggen, Rotpunktverlag 2011, 156 Seiten

„Ich bin der Schatten dessen, was wir waren, und solange es Licht gibt, existieren wir.“ Das sind die letzten Worte von Pedro Noasco González, dessen Großvater mit Durruti den ersten Banküberfall in Santiago de Chile durchführte. Wenig später ist Pedro tot, erschlagen von einem Dual-Schallplattenspieler. Ein tragischer Tod ist dies auch für Cacho, Lucho und Lolo, die auf Pedro warten, den alten Experten, den sie noch aus der gemeinsamen Zeit im Widerstand gegen die chilenische Militärdiktatur kennen. Der „Schatten“, wie er genannt wurde, wollte mit ihnen Geld holen, viel Geld, das vor vielen Jahren an einem geheimen Ort versteckt wurde. Mit großem Humor erzählt Luis Sepúlveda die Geschichte einer Gruppe alter Männer, die – zurück aus dem Exil und gefangen in ihren Erinnerungen – noch einmal einen großen Coup planen.

Belletristik

Ilma Rakusa, Mehr Meer.

Erinnerungspassagen

Berlin Verlag 2011, 325 Seiten

Ilma Rakusa wurde als Tochter eines Slowenen und einer Ungarin in der Slowakei geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in der Schweiz, ihr Französisch- und Slawistikstudium führte sie nach Paris. Als Studentin bereiste sie viele der osteuropäischen Länder, schloss dort Freundschaften mit jungen, kritischen Menschen aus der Künstlerszene und dem Universitätsmilieu. Ilma Rakusa beschreibt eindrücklich die Brüche und Umbrüche in der Sowjetunion, Polen, Tschechien und den baltischen Ländern. In ihren wunderbar geschriebenen Erinnerungspassagen nimmt uns die Autorin mit auf ihre spannenden Reisen. Für das Buch erhielt sie 2009 den Schweizer Buchpreis.

Belletristik

Alice Munro, Tanz der seligen Geister

Erzählungen

Ü: Heidi Zerning, Fischer 2011, 224 Seiten

Alice Munro gilt als große Meisterin des kleinen Formats. Die Feuilletons sind stets voll des Lobes und sie wird als mögliche Literaturnobelpreisträgerin gehandelt. 1968 erschien ihr erster Erzählband, der jetzt in deutscher Übersetzung im Taschenbuch vorliegt. Munro erzählt keine spektakulären Geschichten: Es geht um den ganz banalen Alltag, um Sehnsüchte und Enttäuschungen, um provinzielle Enge und um das Erwachsenwerden. Das Leben ist voller Widersprüche und es gibt keine schlichten Wahrheiten und keine einfachen Lösungen. In sparsamen Sätzen erzählt sie inhaltsreiche Geschichten; eine echte Bereicherung auch für Menschen, die lieber Romane als Erzählungen lesen. Und wer nach dieser Lektüre noch nicht genug hat: Es gibt glücklicherweise sechs weitere Bücher von Alice Munro, die übersetzt und lieferbar sind.

Belletristik

Isabel Allende, Die Insel unter dem Meer

Ü: Svenja Becker, Suhrkamp 2011, 557 Seiten

Das Besondere an Isabel Allendes historischen Romanen ist: Orte, Zeiten und Ereignisse sind stets hervorragend recherchiert und die Geschichten, die sie dort plaziert sind opulent und mitreißend erzählt. Auch ihr neues Buch erfüllt diese Erwartungen. Schauplatz ist die französische Kolonie Saint-Domingue zur Zeit der haitianischen Revolution und die Sklavin Zarité erstreitet ihre Freiheit. Der Weg dahin ist ereignisreich, lang und gefährlich. Barbarische Zustände herrschen auf dieser durch Zuckerrohr reich gewordenen Insel, farbige Menschen werden gnadenlos ausgebeutet. Die besonders willensstarke Zarité liebt und kämpft, wird begehrt und erniedrigt, verliert ihre Kinder und kümmert sich um andere. Ein Schicksal, eine Lebensgeschichte, angereichert mit Leidenschaft und Verbrechen – großartige Unterhaltungsliteratur, ohne ins Schmökerhafte abzugleiten: typisch Allende.

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