Lesefutter – unsere Buchempfehlungen • Buchladen Osterstraße - lesen fängt links an • Hamburg • Eimsbüttel

Lesefutter

Belletristik

Elisabeth Filhol, Der Reaktor

Ü: Cornelia Wend, Edition Nautilus 2011, 122 Seiten

Yann, ein Zeitarbeiter in französischen Atomkraftwerken, ist der Protagonist im Debütroman der französischen Autorin Elisabeth Filhol. Als „Neutronenfutter“ ziehen Yann und seine Kollegen (von denen es in Frankreich circa 30 000 gibt) von Standort zu Standort, wohnen in Absteigen und auf Campingplätzen und sind sich dabei der permanenten unsichtbaren Bedrohung durchaus bewußt. Filhol schildert lakonisch und präzise sowohl die Arbeitsabläufe im Inneren des Reaktors, als auch die Stimmungen zwischen den Wanderarbeitern, die zwischen Solidarität und Stress hin und her schwanken.

„Wie wird man ein Atomkraftwerk, nachdem man Der Reaktor gelesen hat, wahrnehmen?“, fragte die französische Zeitung Libération und gab gleich selbst die Antwort: „Tausendmal wütender als vorher.“

Belletristik

Margaret Mazzantini, Das schönste Wort der Welt

Ü: Karin Krieger, DuMont 2011, 698 Seiten

Schauplatz der Geschichte ist Sarajevo: während der Olympischen Winterspiele, während des Bosnienkrieges und in der Gegenwart. Die Italienerin Gemma reist mit ihrem Sohn in diese Stadt, in der sie 1984 den Fotografen Diego kennenlernte. Pietro findet seine Mutter peinlich, wenn sie in der Vergangenheit wandelt. Sie hatte sich damals in den ungestümen, kindlichen Diego verliebt, sie waren jung, voller Enthusiasmus und sie wollten ein Kind. Gemma erinnert sich an ihre verzweifelten Bemühungen, die immer wieder fehlschlugen. Erst nach Jahren, im Krieg, wird Pietro geboren. Und sie erinnert sich an diesen schmutzigen Krieg, der ihr klarmachte, was wirklich existentielle Verzweiflung bedeutet. Dieses außergewöhnliche Buch ist angefüllt mit Emotionalität und Zumutungen, denen man sich nicht entziehen kann und will.

Belletristik

Salvatore Niffoi, Die barfüßige Witwe

Ü: Andreas Löhrer, Zsolnay 2011, 202 Seiten

Barbagia/Sardinien: Das Land der Hirten und Banditen in den 1930er Jahren. Mintonia wird die Leiche ihres Mannes gebracht, in zwei Teilen, „mit Axthieben zerlegt wie ein Schwein“. Ihr Mann Micheddu hatte ein rebellisches Leben geführt, ein Leben im Widerstand gegen Faschisten, Kirche, Carabinieri und Gesetz. Feinde gab es also genug. Die „barfüßige Witwe“ Mintonia schwört Rache?… Der sardische Schriftsteller Salvatore Niffoi schildert ein Sardinien abseits des gängigen Urlaubidylls. Er erzählt die Leidens- und Rachegeschichte einer Frau in starken Bildern, die durch die hervorragende Übersetzung lange nachwirken. In Italien wurde der Roman mit dem Premio Campiello ausgezeichnet. Bei uns gilt es, einen großen sardischen Autor zu entdecken.

Belletristik

Annett Gröschner, Walpurgistag

Deutsche Verlagsanstalt 2011, 443 Seiten

Vor 10 Jahren hat Annett Gröschner einen Aufruf in einem Berliner Radio gestartet und die Hörerinnen und Hörer aufgefordert, zu erzählen, was sie am 30. April gemacht haben. Das war der Fundus für ihren wunderbaren Episodenroman. Die Geschichte beginnt kurz nach Mitternacht und endet um 24 Uhr. Berlin bereitet sich auf den 1.Mai vor. Die Polizei ist damit beschäftigt, die bevorstehenden „Krawalle“ abzuwehren. Eine gute Gelegenheit für Annjas Umzug in eine andere Wohnung mit ihrem toten Vater, der bereits ein Jahrzehnt in einer Kühltruhe lagert. In den einzelnen Kapiteln lernen wir die unterschiedlichsten Menschen kennen: Paul, der mit seiner alkoholkranken Mutter zusammenlebt, ein Taxifahrer, der zusammengeschlagen wird, eine Frau, die ihr Gedächtnis verliert, zwei junge türkische Frauen und drei alte Damen, die in ihren Erinnerungen an die DDR-Vergangenheit schwelgen. Die Wege dieser Menschen kreuzen sich immer wieder und eine orangefarbene Plastikkaffeemaschine spielt zudem auch eine wichtige Rolle.

Belletristik

Susanna Alakoski, Bessere Zeiten

Ü: Sabine Neumann, edition fünf 2011, 304 Seiten

Alles wird gut, denn Leenas Familie hat eine Wohnung gefunden, groß und hell und davor ist ein Spielplatz. Ein neues Viertel wurde für die Gastarbeiter aus Finnland gebaut, doch die Schweden sagen abfällig „Schweinehäuser“ dazu. Das ist Leena egal, für sie ist wichtig, dass die Eltern arbeiten, Essen kochen, Wäsche waschen, Abstinenz schwören. Doch ihr Glück währt nicht lange, wieder wird ein Grund zum Feiern gefunden. Wieder wird tagtäglich getrunken, geschrieen, gestritten und geschlagen. Leena findet ein Wort für diese schrecklichen Dinge: Meine Eltern sind Quartalssäufer! Die Schule wird ihre Zuflucht und sie feiert Erfolge als Schwimmerin. Gemeinsam mit ihren Freundinnen wünscht sie sich fort aus dieser Welt, die vom Alkohol dominiert wird.

Susanna Alakoski lässt ihre LeserInnen hoffen, dass zumindest die Kinder der Abwärtsspirale entkommen, dass es für sie bessere Zeiten geben wird.

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