Lesefutter – unsere Buchempfehlungen • Buchladen Osterstraße - lesen fängt links an • Hamburg • Eimsbüttel

Lesefutter

Belletristik

Deborah Feldman, Unorthodox

Ü: Christian Ruzicska, Secession 2016, 319 Seiten

Im New Yorker Stadtteil Williamsburg hat sich die ultraorthodoxe Satmar-Gemeinde etabliert. Ihr Gründer hielt den Holocaust für eine gerechte Strafe Gottes, weil die Jüdinnen und Juden weltlich gelebt und ihren Glauben verraten hätten. Deshalb müssen die Menschen heute nach strengsten Regeln äußerst fromm leben. Es darf nur Jiddisch gesprochen werden, die männlichen Gemeindemitglieder widmen sich ständig dem Thorastudium, die weiblichen müssen möglichst viele Kinder gebären. Die Icherzählerin stößt sich an den Widersprüchen in der Gemeinschaft. Heimlich lernt sie Englisch und die Bücher zeigen ihr eine andere Welt. So begibt sie sich auf den mühsamen Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Der Erzählton dieser Beschreibung vom wissensdurstigen Mädchen zur widerspenstigen jungen Frau ist sehr lebendig und überzeugend. Lesenswert!

Belletristik

Vea Kaiser, Makarionissi oder Die Insel der Seligen

Kiepenheuer & Witsch 2015, 463 Seiten

Eleni und ihr Cousin Lefti wachsen in einem kleinen Bergdorf nahe der griechisch-albanischen Grenze auf. Als Kinder sind sie unzertrennlich und was liegt da näher, als sie auch zur Heirat zu drängen, um den Fortbestand der Familie zu gewährleisten. Gegen ihren Willen geht die rebellische Eleni schließlich mit ihrem verordneten Ehemann nach Deutschland. Vea Kaiser hat einen wunderbaren Familienroman geschrieben, der uns in die Welt der ersten „Gastarbeiter“ und über vier Generationen nach Hildesheim, in die Schweiz, nach Österreich und schließlich auf die kleine griechische Insel Makarionissi führt. Die Auswirkungen der aktuellen Finanzkrise in Griechenland fehlen ebenso wenig, wie eine große Liebe, die man immer wieder trifft.

Belletristik

Sadie Jones, Jahre wie diese

Ü: Brigitte Walitzek, DVA 2015, 416 Seiten

Im London der 1970er-Jahre treffen Luke, Paul und Leigh aufeinander. Sie sind jung und träumen von einem eigenen, unabhängigen Theater. In den folgen Jahren arbeiten sie wie besessen an der Umsetzung ihrer Vision. Luke verliebt sich rettungslos in die Schauspielerin Nina, eine labile, schwierige Frau. Die Freundschaft des Trios und ihr gemeinsames Theaterprojekt werden immer wieder auf harte Proben gestellt und so kommt es schließlich zum Bruch. Wie bereits in ihren früheren Romanen gelingt es Sadie Jones, uns die Atmosphäre einer spannenden Zeit zu vermitteln und hier öffnet sie den Vorhang zur unabhängigen Londoner Theaterszene.

Belletristik

Jane Gardam, Ein untadeliger Mann

Ü: Isabel Bogdan, Hanser 2015, 348 Seiten

Edward Feathers ist sehr alt geworden. Er ist reich, war als Richter in Hongkong erfolgreich, standesgemäß verheiratet, hat perfekte Manieren und er sieht immer noch gut aus: ein untadeliger Vertreter des British Empire. Aus ihm ist etwas sehr Vorzeigbares geworden, trotz der emotionalen und körperlichen Grausamkeiten seiner frühen Kindheit. Die Mutter ist bei seiner Geburt gestorben, der Vater vom Krieg traumatisiert. Aber er hat an Eliteschulen eine sehr gute Ausbildung erhalten. Was er nicht gelernt hat, ist der Umgang mit Emotionen. Nach dem Tod seiner Frau bröckelt seine Fassade.
Jane Gardam gelingt es mit feiner Ironie die Lebensgeschichte dieses Exzentrikers zu erzählen und dabei sowohl intensives Mitgefühl als auch absoluten Respekt hervorzurufen. Diese Reise von Fernost nach England durch fast das gesamte 20. Jahrhundert ist ein wahres Lesevergnügen.

Belletristik

Jean-Pierre Siméon, Stabat Mater Furiosa

Gedicht, deutsch-französisch

Ü: Daniel Gerzenberg, Secession Verlag für Literatur 2015, 77 Seiten

Dieses schmale Bändchen veranstaltet ganz großes Theater im Kopf. Aufgeführt wird ein Ein-Personen-Stück als ein fulminanter Monolog. Ein Manifest, das wir beim Lesen hören können, mal herausgeschrien, mal geflüstert, voller Wut gegen den Krieg, gegen jeden Krieg! Eindrücklich ist jedes Wort, das klarmacht, dass es keine Rechtfertigung für Krieg gibt, niemals! Es kann keinerlei Verständnis für Gewalt geben. Dieser Text ist eine wütende Rede an den Krieger, das heißt, an den Mann, der den Krieg erklärt und ausführt. Keinem Krieger kann verziehen werden, wenn er sich verpflichten lässt, Menschen zu töten. Geschrieben 1997 während des Libanonkriegs, ist dieser moderne Klassiker so aktuell wie zeitlos. Wer französisch versteht, kann das Gedicht auch im Original erleben.
Applaus!

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