Lesefutter – unsere Buchempfehlungen • Buchladen Osterstraße - lesen fängt links an • Hamburg • Eimsbüttel

Lesefutter

Belletristik

Héctor Abad, La Oculta

Ü: Peter Kultzen, Berenberg 2016, 352 Seiten

Pilar und Eva treffen sich mit ihrem Bruder Antonio auf der Familienfinca La Oculta, „die Verborgene“. Ihre Mutter Ana ist gestorben und dies ist auch der Beginn für die Auflösung der Familienbande und die enge Verbundenheit mit diesem besonderen Ort in den Bergen nahe Medellín. Antonio lebt seit Jahren in New York mit einem Künstler zusammen und versucht, die 100-jährige Geschichte der Finca aufzuschreiben. Eva hat bereits ihre Anteile an der Finca verkauft, nur Pilar will unbedingt das Versprechen einlösen, das sie ihrem Vater gab: La Oculta auf jeden Fall für die Familie zu erhalten. Aber der Untergang ist unaufhaltsam.
Erzählt wird von jüdischen Einwanderinnen und Einwanderern, einer Entführung durch Guerilleros, den Überfällen von Paramilitärs und das alles verbunden mit der Geschichte der Familie Ángel. Héctor Abad gibt einen spannenden Einblick in die neuere kolumbianische Geschichte.

Belletristik

Jane Gardam, Eine treue Frau

Ü: Isabel Bogdan, Hanser 2016, 272 Seiten

Betty, eine in China geborene Schottin, heiratet Edward Feathers, denn mit ihm wird sie vermutlich ein gutes, zufriedenes Leben haben. Ihn kennen manche Leserinnen und Leser als den „untadeligen Mann“, den erfolgreichen Kronanwalt und Vertreter des (untergehenden) britischen Empires. Pikanterweise hatte Betty just an ihrem Verlobungstag eine leidenschaftliche Begegnung ausgerechnet mit dem Mann, der der größte berufliche Konkurrent ihres Mannes ist, Terry Veneering.
Der zweite Band der großartigen Trilogie von Jane Gardam ist aus Sicht von Betty geschrieben. Ihre facettenreichen Emotionen und ihr Leben zwischen Asien und England werden nie sentimental, sondern durch die pointierte Sprache mit wechselndem Erzähltempo spannend erzählt.

Belletristik

Gerald Kersh, Die Toten schauen zu

Ü: Ango Laina u. Angelika Müller, Pulp Master 2016, 227 Seiten

Am 9. Juni 1942 überfielen deutsche Truppen das Dorf Lidice nahe Prag, töteten 177 Männer, deportierten die Frauen ins KZ Ravensbrück und verschleppten die Kinder nach Deutschland. Bei diesen Verbrechen handelte es sich um eine „Vergeltungsaktion“ für das Attentat auf Reinhard Heydrich, den Chef des Reichssicherheitshauptamtes.
Nur ein Jahr später schrieb der englische Autor Gerald Kersh seinen Roman „Die Toten schauen zu“. Hier schildert er eindrücklich das Leben der Dorfgemeinschaft vor dem Massaker, aber auch den Zynismus und die Effektivität der deutschen Täter. Das ist große Erinnerungsliteratur!

Belletristik

Celeste Ng, Was ich euch nicht erzählte

Ü: Brigitte Jakobeit, DTV 2016, 288 Seiten

Die 16-jährige Lydia ist verschwunden. Ihr Vater James, Kind eines chinesischen Einwandererpaares und erfolgreicher Wissenschaftler, der einen Lehrstuhl an der Universität hat, und seine Frau Marilyn, die ihre Medizinerinnen-Karriere wegen ihrer drei Kinder aufgegeben hat, sind ratlos und verzweifelt. Als ihre Tochter tot aus dem nahen See geborgen wird, können sie sich nur vorstellen, dass Lydia Opfer eines Verbrechens wurde. Selbstmord? Das ist undenkbar. Aber Lydias Geschwister Nathan und Hannah haben die Veränderungen bei ihrer Schwester seit langem bemerkt. Die unbeschwerte Fassade, das vorgetäuschte Lernen ganz im Sinne der Mutter, für die Lydia den eigenen Traum einer begnadeten Ärztin leben sollte, bröckelt. Nichts wird ausgesprochen, in der scheinbaren Bilderbuchfamilie tun sich große Risse auf.
Celeste Ng hat einen Familienroman geschrieben, der spannend wie ein Thriller ist.

Belletristik

Juli Zeh, Unterleuten

Luchterhand 2016, 640 Seiten

In einem Dorf irgendwo in Brandenburg, nicht weit entfernt von Berlin: Hier erfüllt sich der Traum vom ländlichen Idyll und hier kennt jede jeden. Die hier Geborenen treffen auf Stadtflüchtige, Wendeverlierer auf Wendegewinner, Vogelschützer auf Autoschrauber. Man hat sich eingerichtet. Es gibt Streitereien, über Familiengeheimnisse wird gemunkelt, der Großbauer mit dem Geld bestimmt – die kapitalistische Profitmaximierung funktioniert auch hier. Als ein Investor einen Windpark errichten will, eskalieren die Konflikte; das Landleben wird zum Alptraum.
Großartig an diesem Gesellschaftsroman ist der regelmäßige Perspektivwechsel, alle kommen zu Wort. Vermeintlich unsympathische Menschen erweisen sich als andere, sobald sie selbst erzählen. Irgendwann ist verständlich, wer warum welchen Standpunkt für oder gegen die Windräder vertritt: Die Energiewende stört die Dorfidylle.

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