Lesefutter – unsere Buchempfehlungen • Buchladen Osterstraße - lesen fängt links an • Hamburg • Eimsbüttel

Lesefutter

Sachbuch

Georg von Wallwitz, Odysseus und die Wiesel

Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte

Berenberg 2011, 152 Seiten

„Broker verkaufen nichts von nennenswertem Wert […]. Sie sind kleine Wiesel mit winzigen Zähnen und machen dennoch erstaunliche Beute.“ Dies ist nur ein Fazit, das Georg von Wallwitz, studierter Mathematiker und Philosoph und selbst im Investmentgeschäft tätig, in seinem Insiderbericht über die Finanzmärkte zieht. Von Wallwitz stellt fest, dass die Privatanleger, die nur gelegentlich mit kleinen Summen an der Börse handeln, dort etwa dasselbe Ansehen haben wie Plankton im Ozean. Ihnen werden gerne Aktien verkauft, die intern mit dem Kürzel „POS“ („Piece of shit“) gekennzeichnet sind. Wallwitz prüft die Tugenden des Odysseus (listenreich, skeptisch und entscheidungsfreudig) auf deren Nutzen für das Finanzgeschäft. Lehr- und kenntnisreich, durchaus aber auch lustig und selbstironisch, führt der Autor durch die Frühgeschichte des Geldhandels, diskutiert aber auch Keynes und die klassische Theorie und prangert die Gier des heutigen Marktes an.

Sachbuch

Oliver Leistert und Theo Röhle (Hg.), Generation Facebook

Über das Leben im Social Net

Transcript 2011, 283 Seiten

Ist die eigene Homepage nicht genauso ein überholtes Konzept wie Blogs oder die Kommunikation per E-Mail? Ist mit dem Phänomen

Facebook ein neues Medium entstanden, welches zukünftige Kommunikationsweisen prägen wird? Der Sammelband versucht, eine „fundierte, kritische Perspektive auf Facebook“ zu entwickeln. Namhafte Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen nähern sich den vielschichtigen Fragestellungen, welche problematischen Effekte Facebook auf Subjekt und Gesellschaft, auf Privatsphäre und Überwachungssysteme hat. Zudem stellen sie vor, welche technischen Alternativen zu Facebook existieren oder denkbar wären. Ergänzt werden die Beiträge durch essayistische Kommentare. Spannend ist auch die Untersuchung, welche Rolle das neue Medium im „Arabischen Frühling“ gespielt hat oder welche Wandlung der Begriff „Freundschaft“ für die Facebook-User erfährt.

Ein anregendes Buch, hilfreich für jede inhaltliche Debatte um Social Media.

Belletristik

Annett Gröschner, Walpurgistag

Deutsche Verlagsanstalt 2011, 443 Seiten

Vor 10 Jahren hat Annett Gröschner einen Aufruf in einem Berliner Radio gestartet und die Hörerinnen und Hörer aufgefordert, zu erzählen, was sie am 30. April gemacht haben. Das war der Fundus für ihren wunderbaren Episodenroman. Die Geschichte beginnt kurz nach Mitternacht und endet um 24 Uhr. Berlin bereitet sich auf den 1.Mai vor. Die Polizei ist damit beschäftigt, die bevorstehenden „Krawalle“ abzuwehren. Eine gute Gelegenheit für Annjas Umzug in eine andere Wohnung mit ihrem toten Vater, der bereits ein Jahrzehnt in einer Kühltruhe lagert. In den einzelnen Kapiteln lernen wir die unterschiedlichsten Menschen kennen: Paul, der mit seiner alkoholkranken Mutter zusammenlebt, ein Taxifahrer, der zusammengeschlagen wird, eine Frau, die ihr Gedächtnis verliert, zwei junge türkische Frauen und drei alte Damen, die in ihren Erinnerungen an die DDR-Vergangenheit schwelgen. Die Wege dieser Menschen kreuzen sich immer wieder und eine orangefarbene Plastikkaffeemaschine spielt zudem auch eine wichtige Rolle.

Belletristik

Susanna Alakoski, Bessere Zeiten

Ü: Sabine Neumann, edition fünf 2011, 304 Seiten

Alles wird gut, denn Leenas Familie hat eine Wohnung gefunden, groß und hell und davor ist ein Spielplatz. Ein neues Viertel wurde für die Gastarbeiter aus Finnland gebaut, doch die Schweden sagen abfällig „Schweinehäuser“ dazu. Das ist Leena egal, für sie ist wichtig, dass die Eltern arbeiten, Essen kochen, Wäsche waschen, Abstinenz schwören. Doch ihr Glück währt nicht lange, wieder wird ein Grund zum Feiern gefunden. Wieder wird tagtäglich getrunken, geschrieen, gestritten und geschlagen. Leena findet ein Wort für diese schrecklichen Dinge: Meine Eltern sind Quartalssäufer! Die Schule wird ihre Zuflucht und sie feiert Erfolge als Schwimmerin. Gemeinsam mit ihren Freundinnen wünscht sie sich fort aus dieser Welt, die vom Alkohol dominiert wird.

Susanna Alakoski lässt ihre LeserInnen hoffen, dass zumindest die Kinder der Abwärtsspirale entkommen, dass es für sie bessere Zeiten geben wird.

Belletristik

Sarah Kaminsky, Adolfo Kaminsky

Ein Fälscherleben

Ü: Barbara Heber-Schärer, Kunstmann 2011, 217 Seiten

Sarah Kaminsky hat erst sehr spät die „wahre“ Lebensgeschichte ihres Vaters erfahren. Sie kannte ihn als Fotografen und Streetworker, der ein ganz „normales“ Leben führt. Dass er einer der wichtigsten Fälscher der Résistance war, dass er, sein Vater und sein Bruder nur knapp der Deportation entkommen sind, dass er – obwohl eher ängstlich als mutig – jahrelang im Untergrund gelebt hat, musste sie unbedingt aufschreiben. Adolfo Kaminsky fühlte sich schuldig, dass er als Jude den Holocaust überlebt hat. Das war der Antrieb für ihn, anderen zu helfen. Mit Papieren, die er meisterlich fälschte. Aber auch nach Kriegsende will er mit seinen Fähigkeiten zu einer besseren Welt beitragen. Im Algerienkonflikt stellt er sich auf die Seite der FLN. In den folgenden dreißig Jahren arbeitet Kaminsky unter anderem für die Lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen, für den Widerstand gegen Salazar und Franco, für den ANC in Südafrika, bis er Anfang der 1970er Jahre beschließt, ein „normales Leben“ zu führen. Heute sagt seine Tochter: „Ich habe ihn erst wirklich kennengelernt, als er mir für das Buch die vielen Fragen beantwortet hat.“

Biografien

Golo, B. Traven

Porträt eines berühmten Unbekannten

Ü: Kai Wilksen, avant-verlag 2011, 140 Seiten

Er schrieb weltberühmte Romane wie „Das Totenschiff“ und „Der Schatz der Sierra Madre“. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und von Hollywood verfilmt. Doch wer war der Mann, der sich hinter dem Pseudonym B. Traven verbarg? Der französische Zeichner Golo hat sich mit seiner Graphic Novel auf die Spur des berühmten Unbekannten begeben. In farbenfrohen Bildern zeichnet er den Lebensweg eines Autors nach, der von der Münchner Räterepublik 1919 über London bis nach Mexiko in den Lacandonen-Urwald führt. Dort, in einer selbst gebauten Hütte, schrieb B. Traven die meisten seiner Romane, die immer sein großes Lebensthema umkreisen: den Kampf der ausgebeuteten Schichten für Gerechtigkeit, Freiheit und Glück. Eine Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts in Bildern. Unbedingt sehenswert!

Bilderbuch

Marjaleena Lembcke, Eine Blattlaus wandert aus

illustriert von Stefanie Harjes

Tulipan 2011, 32 Seiten

Camilla Rosa Kapriziosa ist ganz anders als die anderen Blattläuse. Sie ist wunderschön mit ihren vier grazilen Armen und den Beinen in schwarzen Stiefeln und etwas ganz Besonderes. Sie will auch noch alleine sein. Um sich zu entfalten, beansprucht sie ein eigenes Blatt für sich. Pikiert sagen die anderen Blattläuse: „Geh doch nach Amerika!“ Das macht sie dann auch. Standesgemäß reist sie in dem Rosenstrauch einer Opernsängerin. In der Ferne ist das Leben aufregend und sehr gefährlich und am Ende ist Camilla Rosa froh, wieder zu Hause bei den anderen zu sein.
Eine liebevolle Geschichte über eine eigenwillige, mutige Blattlaus mit furiosen Bildern fantastisch illustriert. Für Kinder ab 4 Jahre.

Kinder- und Jugendbuch

Clay Carmichael, Zoë

Ü: Birgitt Kollmann, Hanser 2011, 254 Seiten

Ein eigensinniges Mädchen, ein wilder Junge, eine streunende Katze und ein Mann, der mit dem Feuer spielt, das ist das Personal in dem Debütroman von Clay Carmichael. Zoë ist ein scharfsinniges, wildes Mädchen, das sich lieber auf sich selbst als auf andere verläßt. Nach dem Tod ihrer Mutter wird sie von ihrem Onkel Henry adoptiert. Henry, eigentlich Arzt, ist ein bekannter Künstler, menschenscheu und eigensinnig. Ganz allmählich kann Zoë Vertrauen fassen zu ihrem Onkel, zu dessen warmherzigen Freunden Fred und Bessie, zu Maud, die eigentlich ihre Großmutter ist, zum Sheriff und dem Pastor. Zoë entdeckt eine leerstehende, geheimnisvolle Hütte im Wald und sie begegnet einem Jungen, der im Wald lebt und mit einem weißen Reh unterwegs ist. Ein spannendes Buch über ein ganz besonderes Mädchen, mit sehr eigenen, bisweilen kauzigen Menschen, lesenswert nicht nur für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahre.

Kinder- und Jugendbuch

Bibi Dumon Tak, Eisbär, Elch und Eule. Von Schnee- und Eisbewohnern

illustriert von Martijn van der Linden

Ü: Meike Blatnik, Bloomsbury 2011, 137 Seiten

Bibi Dumon Tak nimmt in ihrem neuen, etwas anderen Tierbuch ihre LeserInnen mit auf die Reise zu den Schnee- und Eisbewohnern von Nord- und Südpol. Mitgenommen werden aber nur diejenigen, die wahre Kälte von minus 20 Grad aushalten können. Dort lernt man Tiere mit erstaunlichen Fähigkeiten kennen, denn es ist nicht leicht, bei arktischen Temperaturen zu überleben. Die Schnee-Eule hat das dickste Federkleid, der Kaiserpinguin ist das mutigste Tier der Welt, Wölfe sind fantastisch, weil sie zwölfstimmig singen können und ein Rentier hat schlotternde Knie. Noch für zwanzig weitere Tiere aus der Kälte werden tolle und witzige Informationen geliefert. Apropos Rentier: Das berühmteste, das den Schlitten vom Weihnachtsmann zieht, ist ein Mädchen, denn kein männliches Rentier trägt im Winter ein Geweih. Für Menschen ab 8 Jahre.

Sachbuch

Jonathan Wilson, Revolutionen auf dem Rasen.

Eine Geschichte der Fußballtaktik

Ü: Markus Montz, Die Werkstatt 2011, 463 Seiten

Dies ist ein Fußballbuch für Fortgeschrittene: Catenaccio? Kick and Rush? Totaal-voetbal? Wahrscheinlich alles schon einmal gehört. Aber was bedeutet „Scheibeln“ und wie funktioniert das W-M-System? Der britische Journalist und Autor Jonathan Wilson hat eine umfassende Geschichte der Fußballtaktik geschrieben, die von den ersten Dribbelversuchen am Eton College bis zum Hochgeschwindigkeitsfußball des FC Barcelona reicht. In Großbritannien war Wilsons Buch das Fußballbuch des Jahres. Nun ist es endlich auf deutsch erschienen. Nach der Lektüre verliert die eigene Mannschaft vielleicht immer noch, aber man versteht besser warum.

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