Lesefutter – unsere Buchempfehlungen • Buchladen Osterstraße - lesen fängt links an • Hamburg • Eimsbüttel

Lesefutter

Belletristik

Marjana Gaponenko, Wer ist Martha?

Suhrkamp 2012, 237 Seiten

Mit 96 Jahren bekommt Luka Lewadski, ein ukrainischer Vogelkundler, der einst eine bahnbrechende Studie über die Rechenschwäche der Rabenvögel verfasste, von seinem Arzt eine Krebsdiagnose mitgeteilt. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Kurz entschlossen packt Lewadski die Koffer und sein Geld zusammen, reist nach Wien und mietet sich dort im eleganten Hotel Imperial ein. Doch der Tod lässt auf sich warten. Dafür erscheint ein Altersgenosse, Herr Witzturn, auf der Bildfläche und fortan vergnügen sich die beiden Herren mit Konzertbesuchen, tiefsinnigen Gesprächen über die Vergänglichkeit und die Damenwelt und mit hochprozentigen Getränken. Wohl selten ist klüger, eleganter und lustiger über Alter und Tod geschrieben worden!

Belletristik

Michael Frayn, Willkommen auf Skios

Ü: Anette Grube, Hanser 2012, 285 Seiten

Alles beginnt mit zwei vertauschten Gepäckstücken auf dem Flughafen der griechischen Insel Skios. Der eine Neuankömmling hat ein Manuskript im Gepäck, um vor einer Stiftung über Szientometrie zu referieren, der andere freut sich auf ein Liebeswochenende mit seiner neuen Eroberung. Es folgt eine kuriose Verwechslungskomödie, in der der charmante Hochstapler Oliver Fox als Hauptredner auf der Tagung auftritt und der dröge Wissenschaftler Dr. Norman Wilfred im Schlafzimmer einer jungen Frau landet, die eindeutig nicht auf ihn gewartet hat. Der in London lebende Autor Michael Frayn verbindet in „Willkommen auf Skios“ Witz und Chaos mit bösen Seitenhieben auf den ach so seriösen Wissenschaftsbetrieb und seine skurrilen Auswüchse. Britischer Humor at it’s best!

Krimi

Matthias Wittekindt, Schneeschwestern

Edition Nautilus 2011, 349 Seiten

Im deutsch-französischen Grenzgebiet wird in einem Wald die Leiche der 16-jährigen Geneviève gefunden. Das Mädchen wurde nach einem Diskobesuch vermisst. Bei der örtlichen Zeitung geht ein anonymer Hinweis auf einen Sexualstraftäter aus Deutschland ein. An Verdächtigen herrscht kein Mangel. Kommissar Colbert, selber Vater einer 16-jährigen Tochter, kann sich nicht vorstellen, dass zum Beispiel Kristina, eine Freundin des Mordopfers, etwas mit dem Verbrechen zu tun haben könnte. Es gibt die Sicht des „Täters“, seine Versuche, gegen seine Triebe zu kämpfen, seine Gewaltfantasien. Aber vielleicht gab es ja auch gar kein Verbrechen?
Hochspannung, psychologisch klug kombiniert, ein Grenzgängerkrimi auf verschiedenen Ebenen.

Kinder- und Jugendbuch

Anne-Laure Bondoux, Die Zeit der Wunder

Ü: Maja von Vogel, Carlsen Verlag 2011, 189 Seiten

Im Kaukasus der 1990er Jahre herrschen Krieg, Hunger, Vertreibung, Gewalt. Der Junge Koumail und Gloria, die seine Mutter sein könnte, sind - wie so viele andere Menschen auch - auf der Flucht. Zwar finden sie immer wieder Zufluchtsorte, wo sie sich eine Zeit lang ausruhen können, aber die Sicherheit ist trügerisch. Stets müssen sie weiter und sie wollen nach Frankreich, in das Land der Menschenrechte.

Es ist eine sehr abenteuerliche Geschichte, die Gloria Koumail erzählt: Sein eigentlicher Name sei Blaise Fortune und er sei Bürger der Französischen Republik. Bei einem Eisenbahnunfall wurde er von seiner Mutter getrennt, aber Gloria konnte ihn retten. Allabendlich muß diese Geschichte wiederholt werden, muß sich der Junge seiner Herkunft versichern. Aber stimmt sie wirklich?

Davon wird in diesem wunderbaren Buch in einem unsentimentalen Ton erzählt. Die Geschichte ist schonungslos und traurig: Sie handelt von Anschlägen, Toten, Armut, Angst und Verzweiflung. Gleichzeitig ist sie unglaublich positiv, wenn es um Freundschaft, Vertrauen und tiefe Gefühle geht. Besonders eindrucksvoll ist sie, wenn sich Koumail aus seinem Fluchtalltag in eine glückliche Zukunft träumt, und wenn Gloria ihre Begabung ausspielt, trotz aller Widrigkeiten Hoffnung und Zuversicht auszustrahlen, um den Weg - auch wenn es ein Fluchtweg ist - immer weiterzugehn.

In Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche durchaus mit Kriegen, konfrontiert werden, dürfen und sollten Bücher dieses Thema ihren LeserInnen zumuten. Vor allem, wenn es Zeit und Raum für Wunder bietet.

Für LeserInnen ab 12 Jahren

Belletristik

Elisabeth Filhol, Der Reaktor

Ü: Cornelia Wend, Edition Nautilus 2011, 122 Seiten

Yann, ein Zeitarbeiter in französischen Atomkraftwerken, ist der Protagonist im Debütroman der französischen Autorin Elisabeth Filhol. Als „Neutronenfutter“ ziehen Yann und seine Kollegen (von denen es in Frankreich circa 30 000 gibt) von Standort zu Standort, wohnen in Absteigen und auf Campingplätzen und sind sich dabei der permanenten unsichtbaren Bedrohung durchaus bewußt. Filhol schildert lakonisch und präzise sowohl die Arbeitsabläufe im Inneren des Reaktors, als auch die Stimmungen zwischen den Wanderarbeitern, die zwischen Solidarität und Stress hin und her schwanken.

„Wie wird man ein Atomkraftwerk, nachdem man Der Reaktor gelesen hat, wahrnehmen?“, fragte die französische Zeitung Libération und gab gleich selbst die Antwort: „Tausendmal wütender als vorher.“

Krimi

Patrick Pécherot, Belleville - Barcelona

Ü: Cornelia Wend, Edition Nautilus 2011, 224 Seiten

Paris 1938: Der Detektiv Nestor Burma soll eine Fabrikantentochter finden, die mit einem Arbeiter durchgebrannt ist. Der scheinbar leichte Auftrag entpuppt sich jedoch schnell als Pulverfaß und Burma gerät in diesen bewegten Zeiten zwischen alle Fronten. In Frankreich regiert die Volksfront, auf der anderen Seite der Pyrenäen tobt der Spanische Bürgerkrieg. Es treten auf: ein Rinderblut trinkender Schmuggler, Trotzkis Sekretär (tot und ohne Kopf) und der Surrealist André Breton höchstpersönlich.

Belleville – Barcelona ist ein atmosphärisch stimmungsvoller Kriminalroman, der die historischen Ereignisse nicht nur als bloße Staffage benutzt. So spannend kann Geschichtsunterricht sein.

Belletristik

Margaret Mazzantini, Das schönste Wort der Welt

Ü: Karin Krieger, DuMont 2011, 698 Seiten

Schauplatz der Geschichte ist Sarajevo: während der Olympischen Winterspiele, während des Bosnienkrieges und in der Gegenwart. Die Italienerin Gemma reist mit ihrem Sohn in diese Stadt, in der sie 1984 den Fotografen Diego kennenlernte. Pietro findet seine Mutter peinlich, wenn sie in der Vergangenheit wandelt. Sie hatte sich damals in den ungestümen, kindlichen Diego verliebt, sie waren jung, voller Enthusiasmus und sie wollten ein Kind. Gemma erinnert sich an ihre verzweifelten Bemühungen, die immer wieder fehlschlugen. Erst nach Jahren, im Krieg, wird Pietro geboren. Und sie erinnert sich an diesen schmutzigen Krieg, der ihr klarmachte, was wirklich existentielle Verzweiflung bedeutet. Dieses außergewöhnliche Buch ist angefüllt mit Emotionalität und Zumutungen, denen man sich nicht entziehen kann und will.

Belletristik

Salvatore Niffoi, Die barfüßige Witwe

Ü: Andreas Löhrer, Zsolnay 2011, 202 Seiten

Barbagia/Sardinien: Das Land der Hirten und Banditen in den 1930er Jahren. Mintonia wird die Leiche ihres Mannes gebracht, in zwei Teilen, „mit Axthieben zerlegt wie ein Schwein“. Ihr Mann Micheddu hatte ein rebellisches Leben geführt, ein Leben im Widerstand gegen Faschisten, Kirche, Carabinieri und Gesetz. Feinde gab es also genug. Die „barfüßige Witwe“ Mintonia schwört Rache?… Der sardische Schriftsteller Salvatore Niffoi schildert ein Sardinien abseits des gängigen Urlaubidylls. Er erzählt die Leidens- und Rachegeschichte einer Frau in starken Bildern, die durch die hervorragende Übersetzung lange nachwirken. In Italien wurde der Roman mit dem Premio Campiello ausgezeichnet. Bei uns gilt es, einen großen sardischen Autor zu entdecken.

Biografien

Erich Mühsam, Tagebücher, Band 1, 1910–1911

hg. von Chris Hirte und Conrad Piens

Verbrecher Verlag 2011, 352 Seiten

„Ich sehe schon meine Nekrologe: tausend ‚Bohème’-Anekdoten, Anarchist in Anführungszeichen und ‚im übrigen nicht talentlos’,“ notierte Erich Mühsam schon 1910 in sein Tagebuch. Mühsam, 1878 als Apothekersohn in Lübeck geboren und 1934 von den Nazis im KZ Oranienburg ermordet, hielt von 1910 bis 1924 seine Erlebnisse und Gedanken in Tagebüchern fest. Else Lasker-Schüler und Heinrich Mann, Landauer, Feuchtwanger und Werfel, sie alle kreuzten seinen Weg und machen die Tagebücher zu einer kulturhistorischen Fundgrube. Leben und Werk sind bei Mühsam miteinander verschmolzen. Die undogmatische Freiheitsliebe, Erotik und ständige Geldknappheit sind Mühsams große Themen. Die Tagebücher sind die perfekte Einladung, den großen deutschen Freigeist neu oder wieder zu entdecken.

Das Editionsprojekt des Jahres! Dem Verbrecher Verlag sei gedankt. Und 14 weitere Bände werden folgen?…

Sachbuch

Daniel Blatman, Die Todesmärsche 1944/45

Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords

Ü: Markus Lemke, Rowohlt 2011, 851 Seiten

Oftmals wurden die Todesmärsche, auf die die KZ-Häftlinge nach Auflösung der Konzentrationslager geschickt wurden, in der Forschung lediglich als Epilog zu NS-Vernichtungspolitik wahrgenommen. Der israelische Historiker Daniel Blatman hat diese mörderische Endphase des NS-Regimes nun explizit unter die Lupe genommen. Auf Grundlage einer breiten Quellenbasis kommt er zu erschreckenden Ergebnissen. Überall in Deutschland und Österreich zogen die Häftlingskolonnen durchs Land. Die „normale“ Bevölkerung konnte nicht mehr an ihnen vorbei sehen. Sie konnte helfen – was selten geschah – oder mitmorden. „Zebras schießen“ nannten in den Dörfern verbliebene Volkssturmmänner und HJ-Angehörige ihre Mordtaten. Mehr als ein Drittel der ca. 700 000 Gefangenen überlebte die Todesmärsche nicht. Daniel Blatman hat ein erhellendes und verstörendes Werk über die Zeit des moralischen Chaos vorgelegt. Unbedingt lesenswert!

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