Lesefutter – unsere Buchempfehlungen • Buchladen Osterstraße - lesen fängt links an • Hamburg • Eimsbüttel

Lesefutter

Krimi

Merle Kröger, Grenzfall

Argument Verlag 2012, 348 Seiten

1992 brennen in Rostock-Lichtenhagen Unterkünfte für AsylbewerberInnen. Es offenbart sich ein unglaublicher Hass auf alles „Fremde“. Zur gleichen Zeit werden an der polnisch-deutschen Grenze zwei illegal einwandernde Rumänen erschossen. Schnell wird die Ermittlungsakte geschlossen, niemand wird zur Verantwortung gezogen.
Längst ist Gras über diese unschönen Flecken in der deutschen Geschichte gewachsen, als zwanzig Jahre später in der ostdeutschen Provinz Menschen auftauchen, die die Toten nicht vergessen haben und die wissen wollen, wer die Schuldigen sind. Auch die sympathische Mattie Junghans wird in die undurchsichtige Geschichte hineingezogen. Merle Krögers Krimi ist spannend, aktuell und eine Reise kreuz und quer durch Europa, von der norddeutschen Provinz bis ins rumänische Brasov.

Krimi

Helon Habila, Öl auf Wasser

Ü: Thomas Brückner, Wunderhorn 2012, 231 Seiten

Die Ehefrau eines führenden Mitarbeiters einer Ölgesellschaft wird entführt. Zwei Journalisten – ein junger Berufsanfänger und ein alter saufender Starreporter – wittern ihre Chance auf eine große Story und brechen auf ins Niger-Delta. Es wird eine Reise ins Herz der Finsternis, wo nur die Abgasfackeln der Ölkonzerne für Helligkeit sorgen. Rebellen kreuzen ihren Weg ebenso wie brutale Regierungstruppen und entwurzelte Dorfgemeinschaften, die sich ständig zwischen den Fronten wiederfinden und der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen tatenlos zusehen müssen. Wo früher Fische schwammen, schwimmt jetzt nur noch Öl auf der Wasseroberfläche. Der junge nigerianische Autor Helon Habila klagt die Umweltzerstörung seines Landes durch skrupellose Öl-Multis an und erzählt dabei auch die Geschichte einer unvollendeten Liebe.

Sachbuch

Norbert Mappes-Niediek, Arme Roma, böse Zigeuner

Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt

Links Verlag 2012, 208 Seiten

Der Autor, als Journalist spezialisiert auf Österreich und Südosteuropa, geht in seinem neuen Buch den Vorurteilen nach, die es über Roma gibt: Alle Roma gehören zum „fahrenden Volk“, Roma werden überdurchschnittlich häufig straffällig, alle Roma sind arbeitsscheu und schicken ihre Kinder nicht zur Schule usw. Mappes-Niediek schreibt kenntnis- und faktenreich über Roma in verschiedenen Ländern, schildert ihre sehr unterschiedlichen Lebenssituationen, kulturellen Differenzen und Gemeinsamkeiten. Eine spannende Lektüre für all diejenigen, die an konkreten Informationen über die größte in Europa lebende Minderheit interessiert sind.

Sachbuch

Ben Redelings, 50 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum

Unvergessliche Bilder, Fakten, Anekdoten

Die Werkstatt 2012, 384 Seiten

Deutschlands bekanntester Fußball-Komiker weckt mit diesem Buch Erinnerungen an ein halbes Jahrhundert Bundesliga. Keine drögen Statistiken werden hier serviert, sondern ein Potpourri aus grellbunten Bildern, Skurillitäten, schlimmen Frisuren und musikalischen Entgleisungen (der Harry Belafonte vom Bieberer Berg) und modischen Geschmacksverirrungen (Trikots in Schweinchenrosa). Der geneigte Leser (und die Leserin) lernt: Früher war auch nicht alles besser, nicht einmal die Werbung: „Mit diesen Kräuterbonbons sorge ich für saubere Luft im Tor“ (Norbert Nigbur).

Sachbuch

Gerd Rindchen, Crashkurs Wein

Wein ganz einfach entdecken und genießen

Hallwag 2012, 160 Seiten

Dass der Hamburger Weinhändler Gerd Rindchen ein wahres Trüffelschwein im Auffinden preisgünstiger Spitzenweine ist, ist schon länger kein Geheimnis mehr. Dass er auch locker aber gleichwohl informativ über Wein schreiben kann, hat er nun mit seinem „Crashkurs Wein“ bewiesen. Ob Rebenkunde, Ausbaumethoden, Weinländer-Porträts, Aromenrad oder Winzer-Philosophien: Der „Crashkurs Wein“ lässt kaum Fragen offen. Gerd Rindchens unprätentiöser Stil nimmt Weineinsteigern die Schwellenangst und hat auch fortgeschrittenen Trinkern noch Neues zu sagen („Herrschaftswissen zum Angeben“). Nicht zuletzt durch die farbenfrohen Illustrationen des Künstlers Cristobal Schmal ist so ein kleines Kunstwerk entstanden.

Sachbuch

Lothar Frenz, Lonesome George oder Das Verschwinden der Arten

Rowohlt 2012, 346 Seiten

Der Biologe und Journalist Lothar Frenz ist weit gereist. Und er hat ein großes Interesse an Tieren. So berichtet er über verschiedene Arten, die existieren, fast ausgestorben sind oder von denen gerade das letzte Exemplar verschwunden ist. Frenz führt uns durch die Kontinente und erzählt spannende und teilweise kuriose Geschichten. Wir erfahren etwas über das Verschwinden magenbrütender Frösche oder wie mit der Rettung des Andenkondors nebenbei eine andere Tierart ausgerottet wurde. Es gibt sogar Tierarten, die mehrere Male aussterben, und es gibt ein Foto der letzten Wandertaube Martha, benannt nach der damaligen First Lady von Amerika.
Und was ist mit der buchtitelgebenden Riesenschildkröte Lonesome George, die auf einer Galapagosinsel lebte? Sie wurde vermutlich über hundert Jahre alt, bis sie kurz nach Erscheinen des Buches starb.

Belletristik

Michela Murgia, Elf Wege über eine Insel

Sardische Notizen

Ü: Julika Brandestini, Wagenbach 2012, 165 Seiten

„Elf Ziele, weil runde Zahlen nur für Dinge taugen, die endgültig verstanden werden können. Und das trifft auf Sardinien nicht zu.“ Die sardische Autorin, vielen bekannt durch ihren Roman „Accabadora“, hat sich ins Hinterland der Traumstrände Sardiniens begeben und präsentiert in ihrem literarischen Reisebuch elf Ziele abseits ausgetretener Pfade. Ob das Literaturfestival im Bergdorf Gavoi, die archaischen Chorgesänge in Bitti, die moderne Kunst in Nuoro, die reichhaltige Küche der Barbagia oder der Kampf um Unabhängigkeit: Murgia erweist sich als profunde Kennerin ihrer Heimatinsel. Das in rotes Leinen eingebundene Buch sollten alle lesen, die nach Sardinien reisen möchten oder schon einmal dort waren.

Belletristik

Barbara Frischmuth, Woher wir kommen

Aufbau 2012, 366 Seiten

Ada hat ihre glückliche Kindheit gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder in Istanbul verbracht. Als ihr Vater eines Tages von einem Wanderausflug ins Araratgebirge nicht mehr zurückkehrt, holt ihre Tante Lilofee die Mutter und das Geschwisterpaar in das heimatliche österreichische Bergdorf. Inzwischen betreibt die Mutter Martha erfolgreich ein Restaurant und Ada ist Künstlerin. Gerade ist sie ins Dorf zurückgekehrt, um sich auf eine größere Ausstellung vorzubereiten. Misstrauisch werden die beiden starken, unabhängigen Frauen von den anderen Dorfbewohnern beäugt. Vor allem, als auch noch Adas alte Jugendliebe Jonas mit seinen drei Kindern auftaucht und das Leben der jungen Frau ordentlich durcheinander gewirbelt wird.
Mit großer Leichtigkeit erzählt Barbara Frischmuth vom Leben der drei Frauen zwischen Istanbul und Wien.

Geschenkbuch

Karen Duve, Grrrimm

Galiani 2012, 152 Seiten

Karen Duve hat Märchen geschrieben vielmehr hat sie die von den Brüdern Grimm gelieferten Vorlagen uminterpretiert. Rotkäppchen, Schneewittchen, Froschkönig und Dornröschen und all die anderen bieten sich für Erwachsene ja irgendwie an, damit herumzualbern. Aber genau das macht Karen Duve nicht. Respektvoll hat sie die Figuren ein bisschen restauriert, um- und weitergedacht und ihnen mit bissigem und knochentrockenem Humor neues Leben eingehaucht. Dabei geht es durchaus auch richtig böse und morbide zur Sache, aber auch menschlich. Und manchmal nutzt heutige Küchenpsychologie, um die Probleme von sieben zu kurz gekommenen Männern zu verstehen, wenn eine attraktive junge Frau ihre Wohngemeinschaft aufmischt.
Diese Märchen sind bestimmt nichts für Kinder, für Erwachsene allerdings unbedingt lesenswert.

Belletristik

Lloyd Jones, Die Frau im blauen Mantel

Grete Osterwald

Rowohlt 2012, 317 Seiten

Eine junge Frau, irgendwo aus Afrika, arbeitet in einem tunesischen Touristenhotel. Sie verliebt sich in einen Gast und wird schwanger. Der Vater ihres Kindes, der in Berlin lebt, nimmt ihr kurz nach der Geburt das Baby weg und verschwindet mit ihm nach Deutschland. Die Frau ist verzweifelt und macht sich auf eine abenteuerliche Reise, um ihr Kind zurückzuholen. Über das Mittelmeer, von Süditalien bis ins ferne Berlin reist sie als Illegale. Unterwegs klaut sie sich eine neue Identität und einen schicken blauen Mantel. Erzählt wird ihre Geschichte aus der Sicht von den Menschen, die jeweils einen kurzen Abschnitt ihres neuen Lebens begleiten. Freundliche und verständnisvolle Menschen trifft sie, aber auch einige, die sie aus- und benutzen. Im letzten Teil kommt sie selbst zu Wort und erzählt aus ihrer Sicht. Ein eindrucksvoller Roman, der auf eine besondere Weise das Schicksal einer Migrantin beschreibt.

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