Lesefutter – unsere Buchempfehlungen • Buchladen Osterstraße - lesen fängt links an • Hamburg • Eimsbüttel

Lesefutter

Kinder- und Jugendbuch

Kirsten Boie, Entführung mit Jagdleopard

Oetinger 2015, 320 Seiten

Jamie-Lee und ihr Bruder Baron Chuck haben es nicht leicht, denn ihre Mutter ist alkoholkrank und
ihre Oma, die aufpassen soll, ist mit ihrem eigenen wilden Leben beschäftigt. Nach außen und für
die Sozialarbeiterin versuchen sie, die Fassade aufrecht zu erhalten, dass alles in Ordnung ist.
Jamie-Lee hat im Religionsunterricht gelernt, dass es wichtig ist, Gutes zu tun und anderen
Menschen zu helfen. Deshalb versteckt sie Fee, die soll ins Internat zum Abspecken. Doch deren
Eltern vermuten eine Entführung, Polizei und Fernsehen werden eingeschaltet. Und dann kommt noch der obdachlose Herr Wildeck mit seinem Jagdleoparden, der immer Hunger hat.
Es gibt Verwechslungen, Überraschungen und jede Menge Chaos.
Wer Jamie-Lee und Baron Chuck durch ihr spannendes Schlamassel begleitet, hat Spaß und viel
zum Nachdenken. Für Kinder ab 11 Jahre.

Geschenkbuch

Wilfrid Lupano/Paul Cauuet, Die alten Knacker

Die übrig bleiben

Ü: Tanja Krämling, Splitter 2015, 64 Seiten

Auf der Beerdigung von Antoines Frau Lucette treffen sich die drei alten Freunde Antoine, Pierrot und Mimile wieder. Zwar schmerzen ihnen die alten Knochen, doch brennt in ihnen noch das Feuer der Widerständigkeit. Begleitet von der hochschwangeren Enkelin Sophie brechen die drei Geronto-Musketiere in die Toskana auf, um Monsieur Armand, den alten Klassenfeind und Nebenbuhler Antoines mit Waffengewalt zur Rede zu stellen. Große Weisheiten zum Generationenkonflikt, zu Alter und Vergänglichkeit, gepaart mit farbenfrohen und Zeichnungen, machen diese Graphic Novel zu einem großen Vergnügen. Als Bonbon gibt es für alle sehschwachen Boulefreunde noch folgenden Trost: „Boule ist die Projektion des Gedankens. Man braucht nicht zu sehen.“

Krimi

Sam Hawken, Kojoten

Ü: Karen Witthuhn, Polar 2015, 303 Seiten

Illegale Grenzübertritte gehören an der Grenze zwischen USA und Mexiko zum Alltag. Nördlich der Grenze reitet die Texas-Rangerin Ana Torres über das Farmland auf der Suche nach illegalen Einwanderinnen und Einwanderern. Südlich des Rio Grande bereitet sich Luiz Gonzales darauf vor, ein letztes Mal Menschen über die Grenze zu schleusen. In El Salvador hat die junge Marisol genug Geld gespart, um die gefährliche Reise über Mexiko in Richtung Norden zu wagen. Ihre Wege werden sich kreuzen, nicht alle werden ihr Ziel erreichen.
Sam Hawkens Buch ist klug komponiert und exzellent übersetzt. Viel wird zurzeit über Flucht geschrieben, so gut und spannend jedoch nur selten.

Belletristik

Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka)

Frankfurter Verlagsanstalt 2014, 1280 Seiten


Die zwölfjährige Brilka Jaschi ist abgehauen, bei einer Gruppenreise in den Westen hat sie sich abgesetzt. Ihre Tante macht sich auf die Suche, zum einen nach der Ausreißerin, zum anderen nach der Familiengeschichte: die Jaschis in und aus Georgien während des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts. Zur Zarenzeit scheint die Welt noch intakt zu sein, doch Weltkriege, Oktoberrevolution, Annektierung und Stalins Säuberungsaktionen konfrontieren die Familie mit dramatischen Problemen. Selbstverständlich geht es auch um Liebe, Kinder und Affären; aber Verrat, der allgegenwärtige Geheimdienst und Deportierungen in Arbeitslager sorgen für Hass, Trennungen und Tod. Und es geht um ein Geheimrezept für heiße Schokolade, das von Generation zu Generation immer nur an eine Person weitergegeben wird. Unglaublich dicht und packend erzählt, garantiert nie langweilig, macht dieser Roman süchtig, genau wie die Schokolade.

Biografien

Susanne Kippenberger, Das rote Schaf der Familie

Jessica Mitford und ihre Schwestern

Hanser 2014, 595 Seiten


In England ist sie seit den 1930er-Jahren berühmt und berüchtigt, bei uns prägt sie das Bild der britischen Exzentriker: die Familie Mitford. Vor allem um die sechs Töchter der Mitfords ranken sich die Skandalgeschichten. In den Mittelpunkt ihrer Biografie stellt Susanne Kippenberger Jessica Mitford, die zur glühenden Sozialistin und zum roten Schaf der Familie wurde, während zwei ihrer Schwestern ein Faible für Hitler und Goebbels entwickelten und zu deren Lieblings-Britgirls mutierten. Nancy, die Älteste, wurde eine berühmte Romanautorin, rechten und linken
Parolen gleichermaßen abgeneigt. Jessica war und blieb konsequent eine Linke, brannte mit ihrem Geliebten durch – in den Spanischen Bürgerkrieg, jobbte als Trickbetrügerin, Seidenstrumpfvertreterin und wurde eine angriffslustige Journalistin, die in ihren Texten nicht mit Sarkasmus sparte. Bis zu ihrem Tod 1996 blieb sie eine engagierte, linke Bürgerrechtlerin.
Das Buch ist mit einem feinen Gespür für soziale Spannungen geschrieben; sehr amüsant und ohne Verklärung beschreibt die Biografin die unkonventionellen Leben der so unterschiedlichen Schwestern.

Krimi

William McIlvanney, Laidlaw

Ü: Conny Lösch, Kunstmann 2014, 303 Seiten

Der eigenbrötlerische Detective Jack Laidlaw steht vor einer schwierigen Aufgabe: Er muss den Mörder einer jungen Frau finden, die tot in einem Park in Glasgow lag. Aber nicht nur er ist auf der Suche nach dem Unbekannten, es gibt auch einige brutale Gangster, die die Jagd aufgenommen haben. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. McIlvanney gilt als Mitbegründer des Tartan Noir, der schottischen Variante des modernen Krimis. Der Tartan Noir ist in Großbritannien schon lange Kult, auf dem deutschen Buchmarkt führt er zu Unrecht ein vernachlässigtes Dasein. McIlvanney schreibt über das Glasgow der einfachen Menschen zwischen grauen Häuserzeilen. Dieser erste Band der Laidlaw-Trilogie erschien bereits Ende der 1970er-Jahre und wurde jetzt erstmals übersetzt. Weitere Bände werden folgen, man darf gespannt sein.

Bilderbuch

Oren Lavie, illustriert von Wolf Erlbruch, Der Bär, der nicht da war

Ü: Harry Rowohlt, Kunstmann 2014, 48 Seiten

„Es war einmal ein Juckreiz.“ So beginnt die Geschichte. Der Juckreiz muss sich am Baum kratzen, ihm wächst ein Fell und dann wird aus dem Juckreiz ein ausgewachsener Bär. Und sofort wird ihm auch eine Aufgabe gestellt. Er findet einen Zettel mit der Frage: „Bist Du ich?“. Der Bär macht sich auf den Weg und versucht eine Antwort zu finden. Um ihn herum wächst ein Wald und er genießt die vielen Sorten von Stille, die es hier gibt. Er trifft auf wunderbare Tiere, wie das Bequeme Bergrind, den Saumseligen Salamander und den Vorletzten Vorzeige-Pinguin. Alle geben ihm Hinweise, um seine große Frage beantworten
zu können. Als er schließlich zum Haus von einem Bären kommt, der nicht da ist, erkennt er sich, fühlt sich vertraut und weiß, wer er ist.
Ein wunderbares Bilderbuch für Groß und Klein, mit viel Sprachwitz und von Wolf Erlbruch großartig illustriert. Für Kinder von 5 bis 99 Jahre.

Belletristik

James Carlos Blake, Das Böse im Blut

Ü: Matthias Müller, Liebeskind 2013, 448 Seiten

Die Lehre aus diesem Hardcore-Western, der gleichzeitig ein starkes Stück amerikanischer Literatur ist, lautet: Der Gründungsmythos der Vereinigten Staaten ist nichts anderes als ein Gebräu aus Blut, Hass, Dreck, Gemeinheit und Gewalt. Georgia 1842: Die Brüder Edward und John Little müssen mit ansehen, wie ihr Vater aus nichtigem Grund einen Mann ersticht. Von der Gewalt traumatisiert und gleichzeitig angezogen, töten sie drei Jahre später ihren eigenen Vater, einen Säufer und Vergewaltiger, und machen sich gemeinsam auf den Weg nach Westen. In New Orleans werden sie getrennt und treffen sich erst im Kampfgetümmel des Amerikanisch-Mexikanischen Krieges wieder. Jedoch auf verschiedenen Seiten. James Carlos Blake wird zu Recht oft mit Cormac McCarthy verglichen. Cowboy und Indianer auf hohem Niveau sozusagen, ein furioser Plot, der die beiden Brüder mehr als nur einen Sklap verlieren lässt. Andere Abenteuerromane verkümmern im Vergleich zu „Das Böse im Blut“ sehr schnell zur Gutenachtgeschichte.

Belletristik

Daniel Galera, Flut

Ü: Nicolai von Schweder-Schreiner, Suhrkamp 2013, 425 Seiten

Der namenlose Held in Daniel Galeras Roman verlässt nach dem Suizid seines Vaters die Stadt. Vor dessen Tod hat er von ihm die Geschichte seines Großvaters erfahren, der vor vielen Jahren in dem kleinen Fischerort Garopaba auf mysteriöse Weise verschwand. Der Protagonist quartiert sich zum Ende der Urlaubssaison in Garopaba ein. Er arbeitet als Sporttrainer, schwimmt täglich und kümmert sich um den alten Hund seines Vaters. Er schließt mit wenigen Menschen im Dorf Freundschaft und wird angefeindet, wenn er versucht, das Geheimnis um das Verschwinden seines Großvaters zu lüften. Die große Ähnlichkeit zwischen dem jungen Mann und seinem Großvater lässt viele im Ort zutiefst erschrecken. Das kann der Held der Geschichte nicht nachvollziehen. Er leidet an Gesichtsblindheit, das bedeutet, dass er sich keine Gesichter merken kann. Dadurch werden seine Nachforschungen erschwert, weil er sich beispielsweise nicht merken kann, wer ihm feindlich gegenübergetreten ist. Stattdessen hat er aber ein sicheres Gespür für die Natur um ihn herum, das Meer, die Wale und die Berge an der Küste. Daniel Galera hat einen spannenden Roman geschrieben, der auch von den großartigen Landschaftsbeschreibungen lebt.

Belletristik

Thomas Glavinic, Das größere Wunder

Hanser 2013, 528 Seiten

Jonas akklimatisiert sich und wartet in einem Basislager am Mount Everest darauf, endlich mit dem Aufstieg zu beginnen. Bergsteiger und Sherpas, die es nicht geschafft haben, deren Leichen an seinem Zelt vorbeigetragen werden, all das kann ihn nicht von seinem großen Traum abhalten, den Achttausender zu besteigen. Während des langen, quälenden Wartens und später, bei seinem verbissenen Aufstieg, lässt er sein Leben an sich vorbeiziehen. Die Kindheit in schwierigen, armen Familienverhältnissen, aus denen er zu seinem Freund Werner entflieht, dem Sohn reicher Eltern. Dort findet er ein neues Zuhause. Der irgendwann eintretende unerwartete Reichtum und ein Leben des Getriebenseins, stets auf der Suche nach dem immer größeren Wunder. Beeindruckend ist die Beschreibung der Bergwelt und spannend die extreme Herausforderung, der sich Jonas stellt. Ein Entwicklungs- und abenteuerlicher Bergroman, dazu noch eine Liebesgeschichte. Was will man mehr: großes Kino!

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