Lesefutter – unsere Buchempfehlungen • Buchladen Osterstraße - lesen fängt links an • Hamburg • Eimsbüttel

Lesefutter

Krimi

Giancarlo De Cataldo/Carlo Bonini, Suburra. Schwarzes Herz von Rom

Ü: Karin Fleischanderl, Folio 2015, 413 Seiten

Ostia bei Rom: Samurai, Faschist und Ex-Mitglied der Magliana-Bande, plant zusammen mit der Camorra, den Kalabresen, einem Zigeunerclan und fiesen Kardinälen des Vatikans die großkotzige Neubebauung des Strandes vor den Toren Roms. Der Carabiniere Marco und die Aktivistin Alice sind ihre Gegenspieler. Korrupte Politiker (Gastauftritt des abgetakelten Berlusconi), Huren und Hooligans treffen im Stadtteil Suburra, den schon Petronius besungen hat, aufeinander. Hart und dreckig, zynisch und an reale Vorbilder angelegt, begeben sich die beiden kundigen Autoren – der eine Ermittlungsrichter, der andere Journalist – in das schwarze Herz von Rom.

 

Belletristik

Jane Gardam, Ein untadeliger Mann

Ü: Isabel Bogdan, Hanser 2015, 348 Seiten

Edward Feathers ist sehr alt geworden. Er ist reich, war als Richter in Hongkong erfolgreich, standesgemäß verheiratet, hat perfekte Manieren und er sieht immer noch gut aus: ein untadeliger Vertreter des British Empire. Aus ihm ist etwas sehr Vorzeigbares geworden, trotz der emotionalen und körperlichen Grausamkeiten seiner frühen Kindheit. Die Mutter ist bei seiner Geburt gestorben, der Vater vom Krieg traumatisiert. Aber er hat an Eliteschulen eine sehr gute Ausbildung erhalten. Was er nicht gelernt hat, ist der Umgang mit Emotionen. Nach dem Tod seiner Frau bröckelt seine Fassade.
Jane Gardam gelingt es mit feiner Ironie die Lebensgeschichte dieses Exzentrikers zu erzählen und dabei sowohl intensives Mitgefühl als auch absoluten Respekt hervorzurufen. Diese Reise von Fernost nach England durch fast das gesamte 20. Jahrhundert ist ein wahres Lesevergnügen.

Belletristik

Jean-Pierre Siméon, Stabat Mater Furiosa

Gedicht, deutsch-französisch

Ü: Daniel Gerzenberg, Secession Verlag für Literatur 2015, 77 Seiten

Dieses schmale Bändchen veranstaltet ganz großes Theater im Kopf. Aufgeführt wird ein Ein-Personen-Stück als ein fulminanter Monolog. Ein Manifest, das wir beim Lesen hören können, mal herausgeschrien, mal geflüstert, voller Wut gegen den Krieg, gegen jeden Krieg! Eindrücklich ist jedes Wort, das klarmacht, dass es keine Rechtfertigung für Krieg gibt, niemals! Es kann keinerlei Verständnis für Gewalt geben. Dieser Text ist eine wütende Rede an den Krieger, das heißt, an den Mann, der den Krieg erklärt und ausführt. Keinem Krieger kann verziehen werden, wenn er sich verpflichten lässt, Menschen zu töten. Geschrieben 1997 während des Libanonkriegs, ist dieser moderne Klassiker so aktuell wie zeitlos. Wer französisch versteht, kann das Gedicht auch im Original erleben.
Applaus!

Biografien

Andreas Kollender, Kolbe

Pendragon 2015, 446 Seiten

„Kolbe“ ist die Romanbiografie über einen widerständigen Beamten im Auswärtigen Amt während der NS-Zeit. Fritz Kolbe fuhr regelmäßig von Berlin in die Schweiz, wo er dem späteren CIA-Chef Allen Dulles geheime Dokumente über Waffenproduktion, Aufmarschgebiete und andere kriegswichtige Informationen zuspielte. Begleitet von Skrupeln und Ängsten kehrte Kolbe, aus Liebe zu der Berliner Krankenschwester Marlene, trotzdem immer wieder in die zunehmend zerbombte Reichshauptstadt zurück.
Nach dem Krieg erzählte Kolbe zwei Schweizer Journalisten seine Lebensgeschichte. Andreas Kollender erzählt diese Geschichte als spannendes Zeitgeschichtsdrama. Vor elf Jahren wurde im heutigen Auswärtigen Amt ein Saal nach Fritz Kolbe benannt. Es ist die späte Würdigung eines stillen Helden während der Nazidiktatur.

Krimi

Tito Topin, Exodus aus Libyen

Ü: Katarina Grän, Distel Literaturverlag 2015, 233 Seiten

Bürgerkrieg in Libyen. Gaddafis Truppen kämpfen gegen die Rebellen, über allen fliegen die Kampfjets der Alliierten. Dazwischen sind acht Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion mit einem Jeep unterwegs und kennen nur ein Ziel: die tunesische Grenze. Eine Reifenpanne zwingt die Gruppe, zu der unter anderem die Schauspielerin Salima, der abgeschossene französische Kampfpilot Henri und Wardia, die hochschwangere Ex-Krankenschwester Gaddafis, gehören, zu einem Zwischenstopp. In der Hotelruine mitten in der Wüste, in der sie unterkommen, hat sich aber auch ein Kommandant der Regierungsarmee mit seiner Einheit eingerichtet. Die Reise scheint beendet, ein zäher Kampf beginnt.
„Exodus aus Libyen“ ist ein Wüsten-Noir des in Casablanca geborenen französischen Autors Tito Topin.

Krimi

Wallace Stroby, Kalter Schuss ins Herz

Ü: Alf Mayer, Pendragon 2015, 352 Seiten

Die berühmten Gangster Parker und Wyatt, Romangestalten der Krimiautoren Richard Stark und Garry Disher, haben eine Schwester bekommen: Crissa Stone arbeitet als freiberufliche Gangsterin, ihren Lebensunterhalt bestreitet sie mit sorgfältig geplanten Raubüberfällen. Als bei einem Überfall auf eine illegale Pokerrunde versehentlich der Schwiegersohn eines örtlichen Mafiabosses erschossen wird, bekommt Crissa ein Problem. Ihr Problem heißt Eddie der Heilige, er ist ein eiskalter Killer und heftet sich fortan an Crissas Fersen. Crissa wird von der Jägerin zur Gejagten, bis sie sich Eddie schließlich zu einem spektakulären Showdown stellt. Temporeich und actionlastig geht es zu bei diesem ersten Auftritt einer neuen Krimiheldin.
Wallace Stroby macht im Nachwort kein Geheimnis aus seinen Vorbildern. Aber Parker und Wyatt sind ja auch nicht die schlechteste Verwandtschaft.

Belletristik

Donna Tartt, Der Distelfink

Ü: Rainer Schmidt und Kristian Lutze, Goldmann 2015, 1024 Seiten

Theo besucht mit seiner Mutter das Metropolitan Museum, wo das Gemälde „Der Distelfink“ zu sehen ist. Kurz nachdem die Mutter ihm erklärt hat, worin die Faszination liegt und warum das ihr Lieblingsbild ist, explodieren Bomben. Theo überlebt und hat eine Begegnung, die sein Leben verändern wird: Ein sterbender Mann fordert ihn auf, das Bild zu retten. Als Theo erfährt, dass seine Mutter tot ist, behält er es zur Erinnerung. Es begleitet ihn nun durch sein wildes, unbehaustes Leben und wird immer mehr zur Belastung. Bei der Arbeit in einem Antiquitätengeschäft lernt er alles über Originale und Fälschungen. Er verstrickt sich in illegale Machenschaften und das Bild wird gestohlen. Es ist ein Roman über unsterbliche und uns tröstende Kunst. Dem Sog der Geschichte kann man sich nicht entziehen – Kunst und Spannung: eine grandiose Kombination.

Belletristik

Vanessa F. Fogel, Hertzmannʼs Coffee

Ü: Eva Bonné, BTB 2015, 320 Seiten

Dora und Yankele Hertzmann, ein betagtes jüdisches Paar, leben seit den 1960er-Jahren in New York. Die beiden haben sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Berlin kennengelernt und eine Exportfirma für Kaffee aufgebaut. Jetzt naht der Zeitpunkt, das Unternehmen in die Hände eines ihrer vier erwachsenen Kinder zu geben und damit ist ein gewaltiger Familienkrach vorprogrammiert. Neid, Eifersucht und Konkurrenzdenken lässt die Geschwister aufeinander losgehen. Yankele hingegen will unbedingt noch Kontakt zu seiner verschollenen Schwester aufnehmen. Er macht Filmaufnahmen, die er auf YouTube stellen lässt und erzählt über sein Leben, seine Kinder und den aktuellen Streit. Der Roman ist eine wunderbare, mit viel Humor erzählte Familiengeschichte und gleichzeitig die Geschichte einer großen Liebe, die schon fast ein ganzes Leben dauert.

Hörbuch

Dörte Hansen, Altes Land

gelesen von Hannelore Hoger, 4 CDs

Random House Audio 2015

Vera ist 1945 mit ihrer Mutter nach der Flucht aus Ostpreußen auf einem Obstbauernhof gelandet. Sie ist das „Polackenkind“ und das Gefühl des Fremdseins wird sie ihr Leben lang begleiten. Aber sie richtet sich dort im Alten Land ein, bei den kauzigen Nachbarn mit ihren Traditionen. Ihre Nichte Anne flüchtet ebenfalls, denn ihre Ehe ist gescheitert. Aus Hamburg-Ottensen sucht sie mit ihrem Sohn bei der Tante Unterschlupf. Das Landleben ist keine Idylle und sowieso ganz anders, als Städter sich das vorstellen. Die beiden Frauen tun sich schwer miteinander, sie sind zwei Schiffbrüchige am Elbufer mit wenig Vertrauen in die Mitmenschen. Die raue, dunkle Stimme von Hannelore Hoger
passt perfekt zur Atmosphäre des Alten Landes und ihre Ausdrucksweise, mal Plattdeutsch, mal
Hamburgisch, macht alle Figuren zu ganz besonderen Charakteren.

Sachbuch

Miriam Gebhardt, Als die Soldaten kamen

Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs

DVA 2015, 351 Seiten

Die Historikerin Miriam Gebhardt schildert die sexuellen Gewalttaten der Alliierten in den letzten beiden Kriegsjahren. Die Vergewaltigungen der Roten Armee während des Vormarschs auf Berlin nehmen einen breiten Raum ein, jedoch werden auch die Taten der amerikanischen und französischen Soldaten in ihren jeweiligen Besatzungszonen intensiv beleuchtet.
Quellenkritisch und im Widerspruch zu ihren männlichen Kollegen, widmet sich Gebhardt auch den Spätfolgen der Übergriffe. Noch Jahre später litten die betroffenen Frauen unter den Folgen von Abtreibung und Traumata und kämpften um ihre Anerkennung als Kriegsopfer.
Miriam Gebhardt hat eine auch für Laien gut lesbare Studie verfasst, in der mit vielen Nachkriegsmythen und falschen Opferzahlen aufgeräumt wird.

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