Lesefutter – unsere Buchempfehlungen • Buchladen Osterstraße - lesen fängt links an • Hamburg • Eimsbüttel

Lesefutter

Belletristik

Deborah Feldman, Unorthodox

Ü: Christian Ruzicska, Secession 2016, 319 Seiten

Im New Yorker Stadtteil Williamsburg hat sich die ultraorthodoxe Satmar-Gemeinde etabliert. Ihr Gründer hielt den Holocaust für eine gerechte Strafe Gottes, weil die Jüdinnen und Juden weltlich gelebt und ihren Glauben verraten hätten. Deshalb müssen die Menschen heute nach strengsten Regeln äußerst fromm leben. Es darf nur Jiddisch gesprochen werden, die männlichen Gemeindemitglieder widmen sich ständig dem Thorastudium, die weiblichen müssen möglichst viele Kinder gebären. Die Icherzählerin stößt sich an den Widersprüchen in der Gemeinschaft. Heimlich lernt sie Englisch und die Bücher zeigen ihr eine andere Welt. So begibt sie sich auf den mühsamen Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Der Erzählton dieser Beschreibung vom wissensdurstigen Mädchen zur widerspenstigen jungen Frau ist sehr lebendig und überzeugend. Lesenswert!

Krimi

Declan Burke, The Big O

Ü: Robert Brack, Nautilus 2016, 317 Seiten

Ray und Karen arbeiten in ähnlichen Gewerben: Ray führt Auftragsentführungen durch, Karen bevorzugt den bewaffneten Raubüberfall mit nicht geladener Pistole. Rossi, Ex-Knacki und Möchtegern-Mafioso, klaut einen gebrauchten Anzug bei Oxfam und klemmt sich den Pimmel im Reißverschluss ein. Frank will seine Frau entführen lassen, doch Franks Anwalt bekommt einen Golfball an den Schädel und seine Frau Magde fährt auf Kreuzfahrt statt auf Entführung. Ein Wolfshund namens Stalin spielt ebenfalls mit. Klingt durchgedreht? Ist es auch!
Der Ire Declan Burke hat ein neues Genre erfunden: den Screwball Noir. Es darf Tränen gelacht werden.

Krimi

Robert Brack, Die Toten von St. Pauli

Ullstein Tb 2016, 441 Seiten

St. Pauli 1920: Der Kriminaloberwachtmeister Alfred Weber soll eine Kindsmörderin aufspüren. Aber ist die aus einem Magdeburger Irrenhaus entflohene Greta Wehmann wirklich die Täterin? Eine Kinderleiche nach der anderen taucht auf und Alfred Weber gerät mächtig unter Druck. Seine Vorgesetzten wollen Ergebnisse sehen, damit sie den Fall schnell zu den Akten legen können. Zwischen Huren, Hafenarbeitern und Seeleuten ermittelt Weber in den engen Gassen des Hamburger Rotlichtviertels, beharrlich auf der Suche nach dem wahren Täter, denn er glaubt trotz aller Indizien fest an Gretas Unschuld.
Der Hamburger Autor Robert Brack beschreibt mit großer historischer Detailkenntnis das St. Pauli der frühen Weimarer Republik, das geprägt war von Armut, miesen Wohnverhältnissen, aber auch von Klassenbewusstsein und Solidarität.
Historisch, spannend, gut!

Krimi

James Lee Burke, Mississippi Jam

Ü: Jürgen Bürger, Pendragon 2016, 588 Seiten

Dave Robicheaux soll für Hippo Bimstine, einen zwielichtigen Unternehmer aus der Unterhaltungsindustrie, ein Nazi-U-Boot vor der Mündung des Mississippi bergen. Aber auch andere haben Interesse an diesem U-Boot. Irische Gangster, ein Killer mit Neonazi-Kontakten und korrupte Bullen machen Dave Robicheaux das Leben in New Orleans schwer und seine ganze Familie gerät in Gefahr.
James Lee Burke liefert wieder eine actiongeladene Story und thematisiert nebenbei Rassismus und Frauenfeindlichkeit bei der Polizei. „Mississippi Jam“ ist hochspannend, leicht blutig und endet mit einem furiosen Finale auf hoher See. Langeweile ist ausgeschlossen.

Krimi

Dominique Manotti, Schwarzes Gold

Ü: Iris Konopik, Argument 2016, 379 Seiten

Marseille 1973: Die „French Connection“ ist gerade zerschlagen, die Ölkrise steht kurz bevor und der junge Commissaire Théo Daquin, schwul und aus Paris stammend, steht vor seinem ersten Fall. Ein Reeder ist vor einem Casino in Nizza hingerichtet worden.
Daquin bleiben nur 15 Tage, um den globalen Dimensionen des Falls auf die Spur zu kommen: Steuerparadiese, Tarnfirmen, Rohstoffspekula-tionen, diskrete Schweizer Bankhäuser.
Manotti dreht wieder am ganz großen Rad. „Schwarzes Gold“ ist präzise recherchiert, stilistisch brillant geschrieben und kongenial übersetzt. Der Kriminalroman zeigt sich hier als große politische Aufklärungsliteratur.

Geschenkbuch

Wilfrid Lupano/Grégory Panaccione, Ein Ozean der Liebe

Splitter 2016, 224 Seiten

Ein bretonischer Fischer, der keine Ölsardinien mag. Des Fischers Frau, resolut und häkelnd. Ein tanzender Fidel Castro. Eine treue Möwe, ein Schiff, das Altöl im Meer verklappt, moderne Piraten und viel viel Meer. Das sind die Zutaten zur wohl charmantesten Graphic Novel seit langer Zeit.
Der Franzose Wilfrid Lupano hat das Szenario entworfen, der Zeichner Grégory Panaccione die Geschichte in farbige Bilder übersetzt. Das Ganze kommt aus ohne Text, Lautwörter und Delfine. Herausgekommen ist ein Plädoyer für die Liebe und das Meer. Unbedingt lesenswert (falls ich das so sagen darf)!

Geschenkbuch

Birgit Weyhe, Madgermanes

Avant 2016, 238 Seiten

Etwa 20 000 Menschen wurden Ende der 1970er-Jahre von der Volksrepublik Mosambik als Arbeitskräfte in die DDR ent-sandt. Bis heute warten sie auf den Großteil ihrer damals erarbeiteten Löhne. "Madgermanes" nennen sich diese ehemali-gen Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter heute. Die in Hamburg lebende Comic-Zeichnerin Birgit Weyhe schildert anhand von drei fiktiven Protagonistinnen und Protagonisten die Träume, Illusionen und Enttäuschungen der Menschen, die in der Hoffnung auf eine qualifizierte Ausbildung in den "sozialistischen Bruderstaat" gingen.
Zahllose Gespräche und ausgiebige Recherchen bilden die Grundlage für die mit viel Empathie erzählte und gezeichnete Graphic Novel, die das aktuelle Thema Heimatlosigkeit anschaulich behandelt.

Belletristik

Vea Kaiser, Makarionissi oder Die Insel der Seligen

Kiepenheuer & Witsch 2015, 463 Seiten

Eleni und ihr Cousin Lefti wachsen in einem kleinen Bergdorf nahe der griechisch-albanischen Grenze auf. Als Kinder sind sie unzertrennlich und was liegt da näher, als sie auch zur Heirat zu drängen, um den Fortbestand der Familie zu gewährleisten. Gegen ihren Willen geht die rebellische Eleni schließlich mit ihrem verordneten Ehemann nach Deutschland. Vea Kaiser hat einen wunderbaren Familienroman geschrieben, der uns in die Welt der ersten „Gastarbeiter“ und über vier Generationen nach Hildesheim, in die Schweiz, nach Österreich und schließlich auf die kleine griechische Insel Makarionissi führt. Die Auswirkungen der aktuellen Finanzkrise in Griechenland fehlen ebenso wenig, wie eine große Liebe, die man immer wieder trifft.

Belletristik

Sadie Jones, Jahre wie diese

Ü: Brigitte Walitzek, DVA 2015, 416 Seiten

Im London der 1970er-Jahre treffen Luke, Paul und Leigh aufeinander. Sie sind jung und träumen von einem eigenen, unabhängigen Theater. In den folgen Jahren arbeiten sie wie besessen an der Umsetzung ihrer Vision. Luke verliebt sich rettungslos in die Schauspielerin Nina, eine labile, schwierige Frau. Die Freundschaft des Trios und ihr gemeinsames Theaterprojekt werden immer wieder auf harte Proben gestellt und so kommt es schließlich zum Bruch. Wie bereits in ihren früheren Romanen gelingt es Sadie Jones, uns die Atmosphäre einer spannenden Zeit zu vermitteln und hier öffnet sie den Vorhang zur unabhängigen Londoner Theaterszene.

Krimi

Ken Bruen, Kaliber

Ü: Karen Witthuhn, Polar 2015, 183 Seiten

Ein Serienkiller geht um in Südost-London. Das Tatmuster? Er tötet Menschen mit schlechten Manieren. Sein Vorbild? Lou Ford aus Jim Thompsons Noir-Klassiker „The Murder inside me“. Doch der Killer hat nicht mit Inspector Tom Brant gerechnet, der Gesetze genauso gerne bricht wie Unterarme. In Brants Polizeirevier tummeln sich psychisch und physisch Versehrte in Uniform. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen zusehends. Ken Bruen würzt seinen komprimierten Text mit Witz und Krimitipps. Das ist ganz großes Kaliber!

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