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Aktuelle Empfehlungen

Biografien

Hans Woller, Mussolini. Der erste Faschist

Eine Biografie

C. H. Beck 2016, 397 Seiten

Hans Woller, Italienexperte beim Münchener Institut für Zeitgeschichte, hat ein höchst lesenswertes Buch über den Diktator Benito Mussolini geschrieben. Chronologisch schildert Woller Mussolinis Herkunft, seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg und seine Annäherung an den Sozialismus. Wollers Kapitel orientieren sich an geschichtsträchtigen Daten („Rom, 28.10.1922“) und erklären durch die Untertitel (Lehrjahre, Sozialist, Faschist, Diktator, Imperialist) die Wandlungen Mussolinis im Laufe der Jahrzehnte. Mit starken Argumenten stützt der Autor seine These, dass Mussolinis Faschismus keineswegs nur eine harmlose Version des Nationalsozialismus war.
Wollers Buch ist ein gelungenes Beispiel für biografische Geschichtswissenschaft, klug, anregend und stilistisch brillant.

Belletristik

Dmitrij Kapitelman, Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters

Hanser 2016, 288 Seiten

Leonid Kapitelman hat mit dem religiösen Judentum abgeschlossen; er will aber auf einem jüdischen Friedhof beerdigt werden. In Kiew hat er als Mathematiker gearbeitet, bis er mit Frau und Sohn nach Deutschland übersiedelte. Inzwischen betreibt er einen russischen Spezialitätenladen in Leipzig. Sein Sohn Dmitrij überredet seinen Vater zu einer Reise nach Israel. Einige Freunde Leonids sind nach Israel ausgewandert. Sie zu besuchen und nach einer ausgeliehenen Briefmarkensammlung zu forschen, sind genug Gründe für die Reise.
Mit viel Witz werden in dem großartigen Debüt von dem Sohn Vorurteile, paradoxe Situationen und die Weigerung des Vaters, ihn in die besetzten Gebiete zu begleiten, beschrieben. Ist Israel das „Sehnsuchtsland“? Gehören sie nicht eigentlich hierher, statt nach Deutschland?

Belletristik

Paul McVeigh, Guter Junge

Ü: Nina Frey und Hans-Christian Oeser, Wagenbach 2016, 252 Seiten

Belfast, Anfang der 1980er-Jahre. Die Stadt ist grau und gewalttätig. Auf den Straßen tobt der Bürgerkrieg. Mickey Donnelly wächst in einer katholischen Arbeiterfamilie auf, umgeben von seinem saufenden Vater, der schuftenden und liebenden Mutter, zwei Schwestern und seinem älteren Bruder Paddy. Erste Kussversuche mit Freundin Martine scheitern am zärtlichen Coming-out Mickeys. Und dann wird auch noch sein Hund Killer von einem britischen Panzer überrollt. Paddy bandelt mit der IRA an, der Vater nervt und die Mutter versucht, die Familie zusammenzuhalten. Doch Mickey träumt von Hollywood und will den Alten loswerden. Da ist die britische Polizei doch mal für etwas gut, denkt Mickey und schmiedet einen Plan.
Paul McVeighs Erstlingsroman ist atmosphärisch, berührend und traurig und komisch zugleich.

Belletristik

J. L. Carr, Ein Monat auf dem Land

Ü: Monika Köpfer, DuMont 2016, 158 Seiten

Im Sommer 1920 reist der junge Restaurator Tom Birkin nach Oxgodby, um in der Kirche dieses nordenglischen Dorfes ein altes Fresko freizulegen. Birkin kämpfte im Ersten Weltkrieg und kehrte traumatisiert und mit Muskelzuckungen ins zivile Leben zurück. Seine Frau hatte ihn verlassen. Hier, in der Einsamkeit Yorkshires, sucht Tom Birkin Ruhe und Frieden und findet viel mehr: die Erfüllung in seiner handwerklich-künstlerischen Arbeit, die Beruhigung von Körper und Seele und die Liebe zur bildschönen (aber verheirateten) Alice Keach.
Carrs kleiner und feiner Roman erschien im Original bereits 1980. Er ist ein literarisches Plädoyer für Entschleunigung, Selbstbestimmung, Naturverbundenheit und die heilende Kraft der Liebe. Sehr schön, dass dieses literarische Kleinod jetzt auch auf Deutsch zu entdecken ist.