Lesefutter – unsere Buchempfehlungen • Buchladen Osterstraße - lesen fängt links an • Hamburg • Eimsbüttel

Lesefutter

Belletristik

Markus Flohr, Alte Sachen

Kindler 2016, 493 Seiten

Rieke und ihre Freundin ziehen nach dem Abitur feiernd durch Berlin. Der junge Israeli Lior versucht sich dort als Schneider und folgt den Spuren seiner Familie, die bis 1934 eine angesehene jüdische Schneiderei in Kreuzberg besaß.
Zwischen Gegenwart und NS-Zeit springt der Roman von Markus Flohr hin und her; der historische Teil ist penibel recherchiert und erzählt vom wachsenden Verfolgungsdruck bis zur Fluchthilfeorganisation der schwedischen Victoriagemeinde. Die Vergangenheit wirft dabei ihren Schatten auf die zarte Beziehung zwischen Rieke und Lior.
„Alte Sachen“ ist Liebesgeschichte, Geschichtsbuch und Berlin-Roman in einem, stilvoll gestaltet in Leinen mit Wäscheschild.

Belletristik

Shida Bazyar, Nachts ist es leise in Teheran

Kiepenheuer & Witsch 2016, 284 Seiten

Behsad hat gemeinsam mit seinen Freunden aus der kommunistischen Studentengruppe gegen den Schah demonstriert. Als dieser 1979 den Iran verlässt, glauben die Freunde an einen revolutionären Neuanfang. Doch schon nach kurzer Zeit ist die Repression noch stärker geworden und Behsad verlässt mit seiner großen Liebe Nahid und den beiden Kindern das Land.
In ihrem Debüt erzählt Shida Bazyar aus der Sicht der einzelnen Familienmitglieder, die über jeweils ein Jahrzehnt berichten, über die Unterschiede zwischen Orient und Okzident, über das Fremdsein in der neuen wie der alten Heimat, über das Lebensgefühl junger Leute aus der zweiten Einwanderergeneration und über Hoffnungen und den Traum einer neuen Gesellschaft.

Belletristik

Abbas Khider, Ohrfeige

Hanser 2016, 224 Seiten

2016, 224 S., 19,90 Euro

Der Iraker Karim Mensy hat einen Schlepper bezahlt, um zu seinem Onkel nach Paris zu fliehen. Als er eines Nachts aus dem Lastwagen gelassen wird, der ihn über verschiedene Grenzen gebracht hat, ist er jedoch in der bayerischen Provinz statt in Frankreich gelandet. Und so beginnt seine Odyssee durch verschiedene deutsche Flüchtlingslager. Karim trifft auf viele junge Männer, die wie er ihre Heimat verlassen haben, um in Europa ein neues Leben zu beginnen. Aber ohne eine Registrierung gibt es keinen Antrag auf Asyl und ohne eine Aufenthaltsgenehmigung gibt es kein Recht auf einen Deutschkurs. Und ohne Sprachkenntnisse rückt der Traum auf eine gut bezahlte Arbeit oder gar eine Ausbildung in weite Ferne.
In seinem neuen Roman zeichnet Abbas Khider auf eindringliche Weise den harten Weg nach, den die Menschen gegangen sind, die hier in Deutschland in den Flüchtlingscamps leben.

Belletristik

Christoph Hein, Glückskind mit Vater

Suhrkamp 2016, 527 Seiten

Konstantin wächst in einer Kleinstadt in der DDR auf, die Mauer gibt es noch nicht. Er hat seinen Vater, der als NS-Verbrecher in Polen zum Tode verurteilt wurde, nie kennengelernt. Seine Mutter hat wieder ihren Geburtsnamen angenommen, den jetzt auch Konstantin und sein Bruder tragen. Aber die Vergangenheit lastet auf der Familie; Konstantin wird nicht zum Abitur zugelassen. Mit nur 14 Jahren verlässt er heimlich seine Familie und versucht in Marseille Fuß zu fassen. Der sprachbegabte Konstantin freundet sich mit einer Gruppe alter Résistance-Kämpfer an, die nichts über seine Herkunft wissen. Als er sich 1961 entschließt, in die DDR zurückzukehren, wird gerade die Mauer gebaut.
Christoph Hein erzählt die Geschichte einer Familie, die mit einer Schuld leben muss. Sein sympathischer Protagonist scheint immer wieder an dieser Last zu scheitern. Ein großer Roman über die deutsche Geschichte nach 1945.

Belletristik

Irmgard Keun, Kind aller Länder

Kiepenheuer & Witsch 2016, 222 Seiten

 

Dieser Roman wurde erstmals 1938 veröffentlicht und in dieser Zeit spielt er auch: Ein Paar mit Kind ist auf der Flucht. Als Vorlage für die Eltern dienen Irmgard Keun selbst und Joseph Roth. Erzählt wird die Emigration aus der Perspektive der zehnjährigen Kully. Der Vater ist Schriftsteller, seine Bücher sind in Deutschland verboten. Die Familie reist durch Europa und Amerika, immer auf der Suche nach Aufträgen, Verlegern, Geldgebern. Das Geld ist ständig knapp, auch weil der Vater es mit vollen Händen für sehr viel Alkohol, Zigaretten, gutes Essen und teure Hotels ausgibt. Seine Frau lässt er oft mit unbezahlten Rechnungen vor Ort zurück. Sie muss dann Ausreden erfinden und am Essen sparen. Sehr glaubwürdig gelingt es Irmgard Keun, Kullys Leben im Exil sowohl hoffnungsvoll und frech als auch ängstlich und naiv zu beschreiben. Und sie spiegelt ihre turbulente Beziehung mit Joseph Roth.

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